Verehrte Damen und Herren, in den vergangenen 50 Jahren haben
Politik, Wissenschaft, Schulen und Medien die deutsche Geschichte
weitgehend auf die Zeit des Nationalsozialismus verkürzt. Die
geschichtlichen Ereignisse, die dieser Zeit vorangegangen waren,
wurden mit der Behauptung einer geschichtlichen Kontinuität als
Vorläufer zu der Zeit des Nationalsozialismus betrachtet. Fakten und
Zahlen wurden elegant umschifft, so daß sich angesichts der mit
Geschichtskenntnissen leider nur knapp ausgestatteten deutschen
Bildungsschicht ein unzureichendes, sogar ein falsches Bild von der
deutschen Geschichte verfestigen konnte.
Professor Wolfgang J. Mommsen schrieb in der Frankfurter Rundschau am 1. Dezember
1986, daß sich historische „Forschung“ in Deutschland an den Grundwerten einer
demokratischen Parteiendemokratie zu orientieren hätte. Diese Vorgaben seien auf eine
politischen Absicht zurückzuführen. Der preußische Staat, so Mommsen weiter, sei daher
zur Unperson erklärt worden. Man habe ihn aus der politischen und geschichtlichen
Diskussion ausgeklammert. Charakteristisch die Erklärung Roosevelts vor dem
amerikanischen Abgeordnetenhaus am 17. September 1943: „Wenn Hitler und die Nazis
verschwinden, muß sogleich die kriegslüsterne preußische Bande in Deutschland
ausgerottet werden“.
Der richtige Orientierungsmaßstab sollte dagegen nicht die politische Absicht, sondern
die Bibel sein: Dort heißt es in Matthäus Kapitel 7: „An ihren Früchten sollt ihr sie
erkennen. Trauben kann man nicht von Dornen und Feigen nicht von Disteln ernten.“
Dieses Gebot der Bibel entspricht der Forderung von Otto Braun, dem letzten
preußischen Ministerpräsidenten der Weimarer Zeit. Er äußerte 1947 in einem Brief aus
seinem Schweizer Exil: „Dem international grassierenden Antipreußenkoller können wir
nur mit Fakten, wirklich nur mit Fakten, begegnen.“ Nun gehört der Umgang mit Zahlen,
und sie sind eine erstrangige Faktenquelle, nicht zu den bevorzugten Beschäftigungen
von Historikern. Das gilt zwar weltweit, aber im besonderen Maße für deutsche
Historiker. Wenn ein bekannter deutscher Historiker in einem zweibändigen Werk über
das Kaiserreich von einer 20 prozentigen Geldentwertung spricht, statt für den
angegebenen Zeitraum die jährliche Inflationsrate mit 0,48 % Prozent anzugeben, dann
zeigt das entweder seine Unkenntnis von Zinseszinsrechnung oder, was wahrscheinlicher
ist, die Absicht zu einer politisch- ideologisch erwünschten Darstellung. Die
Bundesrepublik Deutschland hatte in einem gleichen Zeitraum, nämlich von 38 Jahren,
gemeint sind die Jahre von 1962 – 2000, eine jährliche Inflationsrate von 3,14 %. Im
Vergleich dazu sind 0,48 % eine wirtschaftlich zu vernachlässigende Größenordnung.
Auch die Frage der Staatsverschuldung wird aus ideologischen Gründen von Historikern
bewußt undeutlich oder sogar falsch dargestellt. Pro Kopf der Bevölkerung hatte
Deutschland mit Abstand die geringste Staatsverschuldung in Europa. Nach Kaufkraft und
Preisindex umgerechnet betrug die echte Staatsverschuldung im Jahre 1912 pro
Einwohner 1.603 €. Die gegenwärtige Staatsschuld (ohne die stillen Schulden) beträgt
dagegen 16.585 € pro Einwohner, ist also über 10 mal so hoch. Und diese hohe
Staatsverschuldung wird heute von einer extrem hohen Steuerbelastung begleitet. Die
Steuerbelastung pro Kopf in der Bundesrepublik Deutschland beträgt etwa das 20fache
der durchschnittlichen Steuerbelastung des Jahres 1912. In runden Zahlen: 500 € 1912
gegenüber 10.000 € 2004. Und es hat im Kaiserreich immer wieder ernsthafte
Bemühungen gegeben, wir wissen das aus den Protokollen des Reichstags, diese
Staatsverschuldung durch staatliche Einsparungen zu reduzieren. Heute wird nur noch
über die Höhe der jeweiligen jährlichen Neuverschuldung gesprochen. Kann diese
Einstellung zu Schulden nicht ein preußisches Vorbild für unsere heutige Lebensform
sein?
Nach Jahrhunderten der Zersplitterung und Teilung Deutschlands erlangte endlich auch
Deutschland im Jahre 1871 seine Einheit. In alter Tradition erhielt der neue deutsche
Bund, der aus 25 Ländern und Städten bestand, auf Wunsch Bismarcks den Namen
„Deutsches Reich“, zum Bundespräsidenten wurde der preußische König auf Lebenszeit
mit dem erblichen Titel „Deutscher Kaiser“ gewählt. Auch Deutschland erfreute sich jetzt
der staatlichen Einheit, die in England und Frankreich schon seit 1453, dem Ende des
sogenannten 100jährigen Krieges, bestand. 400 Jahre hatten diese beiden Staaten Zeit,
sich als Nationen staatlich und wirtschaftlich zu entwickeln. Man erwartete und verlangte
von Deutschland eine gleiche Entwicklung innerhalb von noch nicht einmal 40 Jahren.
Der französische Außenminister Jules Bastide stellte am 20. August 1848, dem Jahr der
sogenannten demokratischen Revolution, fest: „Wir werden die nach Einheit strebenden
demokratischen Kräfte in Deutschland bekämpfen. Deshalb werden wir die deutschen
Fürsten unterstützen und keinen Gesandten einer deutschen demokratischen
Zentralgewalt empfangen“. Die Aufrechterhaltung der deutschen Teilung gehörte
jahrhundertelang zum Staatsziel der französischen Politik. Auch nach dem Ende des
Zweiten Weltkrieges.
Mit der Erfindung der Dampfmaschine, der größten technischen Revolution in der
Menschheitsgeschichte, hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung in
England begonnen. Der in Reutlingen geborene Professor Friedrich List erahnte die
kommende Entwicklung und forderte schon 1819: „Die wachsende Macht Amerikas und
die Vergrößerungssucht Rußlands gebieten einen einheitlichen Wirtschaftsraum in
Deutschland und später in Europa.“ Preußen erließ in Erkenntnis dieser Lage seine
Steuer- und Zollgesetze von 1818. An die 200 Binnenzölle wurden in Preußen beseitigt.
Statt dessen wurden Durchgangszölle erhoben. Preußen grenzte an 28 Staaten, die nun
durch diese Durchgangszölle belastet waren. Denn ohne Berührung preußischen Gebietes
konnten keine Waren aus diesen Staaten transportiert werden. Daher schlossen sich
andere deutsche Staaten bis 1834 dem preußischen Zollsystem an, es kam zum
Deutschen Zollverein unter preußischer Führung. Ein Verdienst der preußischen
Bürokratie. Jetzt konnte sich die industrielle Entwicklung in Deutschland endlich frei
entfalten. Handel und Industrie nahmen überall zu. Der Deutsche Zollverein war die
Vorstufe zunächst für den Norddeutschen Bund und später für die Einigung Deutschlands
unter preußischer Führung, es war die Vorstufe zum Aufstieg Deutschlands zur ersten
Wirtschafts- und Wissenschaftsnation in Europa.
Die Überwindung der zum Teil recht heftigen politischen und landsmannschaftlichen
Gegensätze in Deutschland erforderte von der kaiserlichen Regierung nicht nur eine
erhebliche Anstrengung, sondern auch ein gerütteltes Maß an Regierungsgeschick. 25
Städte und Länder mußten 1871 unter einen Hut gebracht werden. 1866 hatten einige
von ihnen im preußisch-österreichischen Krieg noch gegeneinander gekämpft. Sie waren
an Selbständigkeit gewöhnt. Jetzt mußten sie sich einordnen. Der bekannte
amerikanische Historiker, der den deutschen Namen Otto Pflanze trägt, hat in seiner
großen Bismarck-Biographie diese Situation wie folgt umschrieben: „Die Hindernisse, die
einer nationalen Einigung in Deutschland entgegenstanden, hatten regionale, kulturelle,
religiöse und soziale Ursachen. Seit der Reformation hatten sich in allen großen Kriegen
auf dem europäischen Festland deutsche Staaten mit außerdeutschen gegen ihre
deutschen Nachbarn verbündet. Auch den nationalen Minderheiten war zuzutrauen, daß
sie im Verein mit auswärtigen Mächten den Bestand des Deutschen Reiches bedrohten.“
Ende des Zitats.
Von diesen Gegensätzen wären in erster Linie zu nennen:
- Die Gegensätze von Protestanten und Katholiken,
- der Antagonismus von Sozialismus und Marktwirtschaft,
- die Verschiedenheit der Mentalitäten in Nord und Süd, in Ost und West,
- ferner waren die Minderheitenprobleme von Polen, Dänen und Lothringern zu beachten.
Doch die wichtigste soziale Veränderung war der Übergang von der Agrargesellschaft zur
Industriegesellschaft. Denn dieser Übergang erzeugte ein großes Potential von jungen,
leicht beeinflußbaren Industriearbeitern, die vorwiegend aus den ländlichen Gebieten
kamen, wo sie in Folge der zunehmenden Mechanisierung der Landwirtschaft und des
gleichzeitigen Geburtenüberschusses keine Arbeit mehr finden konnten.
Der englische Premierminister Disraeli meinte nach der Erlangung der deutschen Einheit
1871, daß die bisherige europäische Außenpolitik nun nicht mehr gültig sei. Der
französische Ministerpräsident Adolphe Thiers stellte in ähnlicher Mentalität fest, daß die
deutsche Einigung ein Attentat gegen Europa sei.
Die Lösung dieser schwierigen internationalen und nationalen Folgen der deutschen
Einheit wurde zusätzlich durch einen gewaltigen Geburtenüberschuß erschwert: 600.000
Menschen kamen jährlich von 1871 – 1914 hinzu. Die Bevölkerung wuchs von 40
Millionen auf 67 Millionen an. Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung waren 30 Jahre und
jünger. Reichskanzler Graf Leo von Caprivi, der Nachfolger Otto von Bismarcks, sagte vor
dem Reichstag am 10. Dezember 1891: „Wir müssen exportieren: entweder wir
exportieren Maschinen oder wir exportieren Menschen. Mit dieser steigenden Bevölkerung
sind wir ohne eine gleichmäßig zunehmende Industrie nicht in der Lage, weiter zu leben.“
Das Deutsche Reich durchlebte einen dramatischen Bevölkerungszuwachs. Trotzdem
hatte Deutschland
- mit 0,9 % die geringste Analphabetenquote
- mit 1 – 2 % die geringste Arbeitslosigkeit
- mit 54 Goldmark pro Kopf die geringste Steuerbelastung (1913) in Europa
- die geringste Staatsverschuldung
- das höchste Bildungsniveau
- mit 20 Nobelpreisträgern das höchste Wissenschaftsniveau
- die Führerschaft auf allen industriellen High-tech Gebieten (Chemie, Optik, Elektrizität,
Spezialmaschinenbau)
- mit 87 % Weltmarktanteil in Chemie die absolut Führende Stellung der Chemie in der
Welt.
In seiner bekannten Bismarck-Biographie stellt Professor Lothar Gall aus Frankfurt fest,
daß Preußen- Deutschland die modernste und effektivste Wirtschaftsverfassung der Welt
gehabt habe. Die bismarck‘sche Regierung verfolgte mit Ihrer Marktwirtschaft einen
Mittelweg, sie lehnte es ab, Deutschland dem Sozialismus auszuliefern, aber ebenso
weigerte sie
sich, dem unsozialen Liberalismus unbeschränkt die Tür zu öffnen. Auch auf diesem
Gebiet war Deutschland der modernste Staat in der Welt. Es fällt uns Heutigen schwer,
den Vorbildcharakter des preußisch-kaiserlichen Systems für Mensch und Wirtschaft zu
erkennen. Es war ein System, das sowohl den Menschen wie auch dem Staat zum Vorteil
gereichte und eine für uns heute kaum noch vorstellbare Vielfalt in den öffentlich
geäußerten Meinungen zuließ.
Nicht ganz 2/3 der Bevölkerung, demnach rund 42 Millionen Menschen, waren 30 Jahre
oder jünger. Das Kaiserreich hatte eine sehr junge Bevölkerung, und das gilt auch noch
für die Weimarer Zeit. Das international begehrte Produkt „made in Germany“ (seit
1887) wurde von jungen Menschen hergestellt. Heute beträgt der Anteil von jungen
Menschen nur noch knapp 1/3 oder 27 Millionen. Bei gleichem prozentualem Anteil wie
im Deutschen Kaiserreich fehlen in der Bundesrepublik Deutschland heute 21 Millionen
junge Menschen. Diese Zahl verdeutlicht das eigentliche Problem der Bundesrepublik
Deutschland. Der deutsche Volkskörper hat in den letzten 30 Jahren einen größeren
Verlust erlitten als im Zweiten Weltkrieg. Außerdem fand damals die größte
Binnenwanderung in der deutschen Geschichte statt. Jeder zweite Deutsche lebte nicht
an seinem Geburtsort. Die Wirtschaftstheoretiker nennen das heute: Mobilität. Von den
20- bis 30jährigen waren 12 % der gesamten Bevölkerung oder 85 % des jeweiligen
Jahrgangs erwerbstätig. In der Bundesrepublik sind es gerade noch 8 %. Dieses
fundamentale Problem Deutschlands wird in der gegenwärtigen Politik kaum beachtet,
noch weniger besprochen.
Die Bismarck-Regierung hat sich von den unvergleichlichen Schwierigkeiten und
Problemen nicht daran hindern lassen, sogar eine Arbeiterschutzversicherung
einzuführen, die sich auf das Deckungsprinzip stützte und nicht auf das gegenwärtige
Umlageprinzip. Der Staat leistete einen wesentlichen Beitrag zur notwendigen
Anschubfinanzierung. Es ist irreführend, wenn heute der Eindruck erweckt wird, als wenn
schon Bismarck unser heutiges marodes Umlageverfahren innerhalb der
Sozialversicherung eingeführt hätte. Gegen Finanzminister Fritz Scheffer und
Wirtschaftsminister Ludwig Erhard schaffte Adenauer die letzten Rudimente einer
Kapitaldeckung der Rentenversicherung ab und stellte auf ein umlagenfinanziertes
System um. Das treibt heute die Lohnnebenkosten in schwindelnde Höhe. In völliger
Verkennung der Situation wurden zusätzlich die Altersgrenzen flexibilisiert, so umschrieb
man semantisch verfälschend diesen wirtschaftspolitischen Irrsinn. Die Unternehmen
haben hiervon reichlich Gebrauch gemacht, indem sie die Lösung ihrer inneren
personalen Probleme mit einer Frühverrentung auf Kosten der Allgemeinheit suchten.
Warum dem Deutschen Kaiserreich in der gegenwärtigen historischen und politischen
Literatur Eigenschaften unterstellt werden, die zu seinen
wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolgen im krassen Widerspruch stehen, hat
keine anderen als politische und ideologische Ursachen. Militarismus, obrigkeitsstaatliche
und autoritäre Verformung des Volkes hätten nämlich dem wirtschaftlichen und
wissenschaftlichen Erfolg des Kaiserreichs geradezu entgegengestanden. Der englische
Wirtschaftsphilosoph Herbert Spencer (1820-1903) stellte schon zu seiner Zeit fest, daß
in einem obrigkeitlichen und militanten Staat keine leistungsfähige Wirtschaft entstehen
könne. Trotz intensiver Beschäftigung mit diesem Thema, ist es mir bis heute nicht
gelungen, eine Erklärung dafür zu finden, warum sich Abiturienten und selbst
akademisch gebildete Menschen von diesen ideologischen und unbewiesenen
Behauptungen über das Kaiserreich so leicht manipulieren lassen.
Von der internationalen Wissenschaft als der bedeutendste Philosoph der neueren Zeit
wird der Preuße Immanuel Kant aus Königsberg eingeschätzt. Er verehrte seinen König
Friedrich, und umgekehrt ließ dieser Kant durch seinen Kultusminister Karl Abraham
Freiherr von Zedlitz jede mögliche Förderung angedeihen. Dieser Philosoph mit seinen
umwälzenden und eigenwilligen Gedanken wurde im friderizianischen Staat nicht nur
geduldet, sondern sogar gefördert. Schon als Student distanzierte sich Kant von dem
Herdentrieb der Menge und verurteilte „den Troß der Nachbeter“. Er übernahm die
Forderung des berühmten römischen Dichters Horaz: „Sapere aude“ und übersetzte
diesen Ausspruch mit den Worten: „Habe den Mut zum eigenen Urteil“. Ein eigenes Urteil
setzt allerdings Kenntnisse voraus. Doch Geschichtskenntnisse, die ein eigenes Urteil
ermöglichen, haben heute nicht einmal mehr Politiker oder Regierungsbeamte, obwohl
Kenntnisse zumindest über die Vergangenheit desjenigen Staates, den sie regieren
sollen, unentbehrlich sind. Deswegen legten die preußischen Könige auf
Geschichtskenntnisse bei ihren Beamten den größten Wert. Doch kehren wir zu dem
berühmten Ausspruch Kants vom 15. Dezember 1783 über die Aufklärung zurück.
Treffender und überzeugender könnte die gegenwärtige Situation nicht dargestellt
werden als mit jenen Worten Immanuel Kants: „Faulheit ist die Ursache, warum ein so
großer Teil der Menschen zeitlebens unmündig bleibt; und warum es anderen so leicht
wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe
ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat,
einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, so brauche ich mich nicht selbst zu bemühen.
Ich habe es nicht nötig zu denken. Andere werden das verdrießliche Geschäft schon für
mich übernehmen. Jene Vormünder, die die Oberaufsicht über die unmündigen
übernommen haben, gestatten keinen Schritt außerhalb des Gängelwagens, in den sie
die Unmündigen einsperren. Sie zeigen Ihnen die Gefahr, die Ihnen drohet, wenn Sie es
versuchen sollten, allein zu gehen. Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus
der ihm zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten.“ Setzen wir für
Vormünder, Oberaufsicht und Gängel
wagen Fernsehen, Presse und Geschichtsbücher, dann können wir diese Definition Kants
von der Aufklärung nahtlos auf die heutigen Zustände übertragen. Ein anderer berühmter
Vertreter der Aufklärung war Johann Gottfried Herder, ebenfalls ein Preuße, Theologe
und Geschichtsphilosoph, der die Sturm- und Drangperiode der deutschen Klassik
vorbereitet hatte. Unnachahmlich sagte er: „Menschenrechte können nicht ohne
Menschenpflichten genannt werden.“
Meine Damen und Herren, mit diesem kleinen Ausflug in die preußische Aufklärung sollte
daran erinnert werden, daß Christian Thomasius, Christian Wolff, August Hermann
Francke, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Moses Mendelsohn, Gotthold Ephraim
Lessing die geistigen Grundlagen des preußischen Staates geprägt haben. Nur wer
versteht, daß die preußische Bildung das eigene Urteil, gar die Eigenständigkeit des
Menschen und seine Selbständigkeit durch solide Kenntnisse zum Ziel hatte, wird diesen
Staat verstehen können.
Ausgerechnet eine amerikanische Historikerin, nämlich Margaret Lavinia Anderson, hat
erst kürzlich in einem beachtenswerten Buch auf die Irrtümer deutscher Professoren bei
der Beurteilung des Kaiserreichs aufmerksam gemacht. Innerhalb der
Kommunalverwaltung sei die Mitwirkung der Bevölkerung stärker ausgeprägt gewesen
und gefördert worden als in den Musterdemokratien England oder den USA. Professor
Peter Baumgart, ein namhafter Historiker auf dem Gebiet der preußischen Geschichte,
monierte schon 1981 das Fehlen von Vergleichszahlen zwischen England, Frankreich und
Preußen- Deutschland. Trotzdem ist seither in der historischen Wissenschaft in
Deutschland nichts geschehen. Man scheut die Vergleichszahlen wie der Teufel das
Weihwasser. Zum ersten Mal seit 1945 werden umfangreiche Vergleichszahlen auf vielen
Gebieten in meinem Buch „Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“ veröffentlicht. Historiker
und Politiker benötigen nur noch die Fähigkeit, diese statistischen Zahlen zu
interpretieren. Nach Professor Gerhard A. Ritter ermangelt es jedoch den meisten
Professoren an dieser Fähigkeit.
Ein junges, gut ausgebildetes, fleißiges und diszipliniertes Volk eroberte sich die
internationalen Märkte, die von den etablierten Mächten beansprucht und zu Unrecht als
ihre ureigene Domäne betrachtet wurden. In den fortschrittlichen Zukunftstechniken wie
Elektrizität, Chemie, Optik, Maschinenbau und Feinmechanik hatte Deutschland England
schon längst den Rang abgelaufen. Ebenfalls in der Stahl- und Eisenerzeugung. Die erste
synthetische Farbe wurde von dem deutschen Chemiker Hoffmann hergestellt.
Deutschland beherrschte 87 % des Weltmarktes der Chemie. Noch 1950 wurde in den
USA die Kenntnis der deutschen Sprache für die Zulassung zum Chemiestudium
gefordert. Mit synthetischen Farben und Fasern, mit Kunststoffen, mit Arznei und
Düngemitteln aus Kohle, Wasser, Kalk und Luft stießen die deutschen Wissenschaftler die
Tür zu
einem neuen Zeitalter auf, dem Zeitalter der Chemie. Begriffe wie Perlon und Dralon,
Plexiglas, Styropor, Buna und Moltopren , Indanthren und Agfacolor, Aspirin, Salvarsan
und Bayer 205 wurden weltweit geläufige Begriffe, die fast zur Alltagssprache geworden
sind. Besonders die USA und England neideten Deutschland diese herausragende
Stellung. Sie raubten die Früchte deutscher Wissenschaft sowohl nach dem Ersten wie
auch nach dem Zeiten Weltkrieg. Und damit sind wir bei der ersten Ursache für die von
allen bewunderte Fähigkeit des Deutschen Reiches, Arbeitsplätze zu schaffen.
Preußen-Deutschland war das führende Land der Bildung, Ausbildung, Fortbildung und
Wissenschaft. Der Kurfürst Friedrich III ., der sich 1701 zum König in Preußen krönte,
gründete 1694 die Hallesche Universität und räumte dem Waisenhaus von August
Hermann Francke, der Franckeschen Stiftung in Halle, zahlreiche Privilegien ein, um
dessen Lebensfähigkeit zu erleichtern. Lesen, Schreiben, Rechnen und Naturkunde
verbanden sich mit Bescheidenheit, Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß und Standfestigkeit:
„Gott zur Ehr und zu des Landes Bestem“ war die Maxime dieses Ausbildungssystems.
Auch unter den großen Reformen des Bildungswesens in der Epoche Humboldt/Altenstein
Anfang des 19. Jahrhunderts, es war die Zeit vor und nach der Beendigung der Kriege
gegen Napoleon, änderte sich an diesen Bildungsgrundsätzen nichts. Die Dreigliederung
der Ausbildung in Volksschule, Gymnasium und Universität baute inhaltlich auf diesen
Gedanken auf. Das gilt auch für die Schulkonferenz vom Jahre 1900, in der unter
Ministerialdirektor Friedrich Althoff, dem größten deutschen Bildungspolitiker, die Schulen
grundlegend reformiert wurden. Das Ergebnis dieser Schulkonferenz war gültig bis 1963,
es überdauerte Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und die ersten Jahre
der Bundesrepublik Deutschland. Auf das unverzeihliche Versäumnis der deutschen
Bildungspolitik seit 1964 hat der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau in einer
seiner großen Reden hingewiesen.
Gegenwärtig werden in der Kindererziehung immer noch persönliche Regeln verworfen.
Für Kinder gibt es keine Leitlinien, keine Lebensmuster und keine sogenannten
„Benimmregeln“. Diese Unterlassungen sind nicht nur für die Gesamtheit und für die
Familie gefährlich, sondern vor allen Dingen leidet das Kind selbst unter diesem Mangel.
Wer täglich die Leitlinien seines Lebens, seinen Lebensstil selbst suchen muß, läuft in
eine tiefe emotionale Verunsicherung mit fatalen Folgen: Unter den Psychologen besteht
Einigkeit darüber, daß Kinder heute viel zu früh ohne Wertevermittlung alleingelassen
werden, um die schwierige Aufgabe des leeren Raumes zu füllen. Es fehlt den Kindern
der Widerstand, an dem sie wachsen können. Hierbei verausgaben sich die Jugendlichen,
sie werden unsicher und lustlos. Für diese Pädagogik ist ausschließlich und allein die
Politik verantwortlich. Sie hat das Schiff treiben lassen, bis es mit der Pisa-Studie auf ein
Riff lief. Die überdurchschnittlichen Leistungen katholischer Privatschulen zeigen, wie
wichtig es ist, die Kinder mit Lebensregeln vertraut zu machen, die ihnen Halt und
Geborgenheit vermitteln.
Freiheit ist heute nichts anderes als das Vergnügen zum Konsum in einer stillosen
Gesellschaft. Konsum bedeutet Reisen, Fernsehen, Porno, Lust ausleben und vom Staat
den eigenen Lebensunterhalt fordern. Über die entscheidenden Themen, die uns heute
bewegen, darf nicht gesprochen werden. Liberalismus zielt auf die Entfesselung des
Egoismus, auf die Enthemmung von gemeinschaftlichem Denken. Die Enttabuisierung
aller Regelungen innerhalb der menschlichen Beziehungen wird mit dem Argument der
Menschenrechte begründet. Hierunter fällt die Gleichsetzung von Männergesellschaften
mit Müttern und Familie, ebenso der sich gegen das ungeborene Leben richtende
Ausspruch: „Mein Bauch gehört mir.“ Das andere Zauberwort heißt „Emanzipation“.
Hiermit wird die Befreiung von den Zwängen der Gemeinschaft und von allen anderen
Zwängen gefordert. Es ist typisch für die heutige Zeit, daß Wörter wie „Gemeinwohl,
deutsches Volk und Vaterlandsliebe“ als unkorrekte Unwörter gelten. Dies alles sind nicht
die alleinigen, aber doch wichtige und bedeutende Ursachen für die heutige
Gesamtmisere, in der wir uns befinden.
Wer die Vergangenheit nicht kennt, weiß nicht, was wir heute falsch machen. Und wir
machen vieles falsch. Es sind nicht nur die Lohnnebenkosten. Wir müssen auch wissen,
daß die Ursachen der Pisa-Studie und der Arbeitslosigkeit nicht bei den privaten
Unternehmern oder bei „überirdischen“ Kräften, sondern ausschließlich in der Politik
liegen. Es wird höchste Zeit, das zu erkennen. Adam Smith lebte rund 100 Jahre vor dem
Kaiserreich, trotzdem hat sich Bismarck nicht gescheut, sich von seinen
wissenschaftlichen Ideen und wirtschaftlichen Erfahrungen leiten zu lassen. In gleicher
Weise würde es uns heute sehr von Nutzen sein, uns von den wirtschaftlichen
Erfahrungen und Ideen Preußens leiten zu lassen. Es gibt Parallelen, die wir beherzigen
sollten. Es ist eines der tadelnswerten Überheblichkeiten der heutigen politischen Klasse,
die Gegenwart zu überschätzen und alle Lehren und Erfahrungen, die älter als 10 Jahre
sind, zu verachten. Als Beispiel möchte ich hierzu die Bemühungen der bayerischen
Wirtschaft zur Reformierung des deutschen Bildungssystems nennen. Typisch ist der Titel
der beiden grundlegenden Bücher: „Bildung neu denken“. Wie wäre es, wenn man statt
dessen zunächst die seit 1964 eingeführten Fehler in den Bildungseinrichtungen
beseitigen würde? In der preußischen Bildungspolitik gibt es berühmte Namen, von
August Hermann Francke bis zu Friedrich Theodor Althoff. Deutschland wurde unter dem
Einfluß Preußens zur ersten Bildungs- und Wissenschaftsnation der Welt. 74 Männer und
Frauen haben an diesem Werk der bayrischen Wirtschaft mitgearbeitet. Das preußische
Bildungsministerium bestand nur aus 34 Beamten. Die Eigenständigkeit, wie sie von der
bayerischen
Wirtschaft gefordert wird, war in Preußen bereits grundlegendes Erziehungsziel. Sollte
Bildung heute wieder Erfolg haben, muß zunächst die Bevormundung der Bürger durch
die Politik beendet werden. Man kann nicht Eigenständigkeit fordern, wenn man den
Bürger als unselbständiges Objekt seiner Politik betrachtet.
Die Kenntnis des Altertums, seiner Schriftsteller und Philosophen, gaben den Menschen
in Deutschland das Attribut, gebildet zu sein. Der Verzicht auf die geschichtliche und
klassische Bildung verwandelt den modernen Menschen in ein schwankendes Rohr, das
sich heute nach rechts und morgen nach links neigt. Grundsatztreue gilt als unmodern.
Der sozialistische Politologe Professor Dr. Kurt Sontheimer, jetzt München, früher Berlin,
sagte auf einer Historikertagung im Jahre 1981: „Ich halte es aus umerzieherischen
Gründen für unverzichtbar, an der These vom preußisch-deutschen Kaiserreich und
seinen Strukturen als Vorläufer Hitlers festzuhalten, und zwar unbeschadet der
Richtigkeit dieser These. Nur dann kann der Weg zur Demokratisierung in Deutschland
erfolgreich fortgesetzt werden.“ Dieses sozialistische Bekenntnis zur Manipulation unserer
Geschichte erklärt treffender als manch andere Feststellung den Verzicht auf Fakten und
Vergleiche.
Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß sich der Sozialismus bereits auf leisen
Sohlen unbemerkt über das gesamte öffentliche Leben ausgebreitet hat und heute selbst
unseren privaten Lebenskreis beeinflußt.
Ein fundamentaler Unterschied zwischen der gegenwärtigen und der preußischen
politischen Klasse besteht in ihrer Einstellung zur persönlichen und staatlichen
Verschuldung. Als König Friedrich I. von Preußen im Jahre 1713 starb, hinterließ er
seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm I., dem späteren Soldatenkönig, einen zerrütteten
und verschuldeten Staat. Die Personalkosten für die staatlich Bediensteten und die
Aufwendungen für die Hofhaltung verschlangen den größten Teil der öffentlichen
Einnahmen. Nur durch Anstrengung, Sparsamkeit und Strenge konnte Preußen wieder
gesunden. Diese Gesundung setzte ein Ethiker ins Werk: König Friedrich Wilhelm, der
Vater Friedrich des Großen. Die teure Hofhaltung löste er nach seinem Regierungsantritt
auf. Den Pferdebestand verminderte er von 600 auf 120 Pferde. Die Gehälter der
Hofbediensteten strich er um mehr als die Hälfte zusammen. Auch die Hofküche blieb von
seiner Sparsamkeit nicht verschont . 5 Mundköche, 8 Meisterköche, 3 Bretmeister, 3
Pastetenbäcker, 4 Konditoren und 24 andere Köche mußten sich eine andere
Beschäftigung suchen. Nur 5 Personen duldete er künftig in der Küche. Im Jahre 1712
hatten die Personalkosten für den Hof insgesamt 175.000 Taler betragen. Jetzt
schrumpften diese Kosten auf wenige Tausend zusammen. Gewaltig fuhr der Rotstift
auch durch die Verwaltung. Ebenso durch das Pfründen- und Stellenwesen im Staat.
Minister- und Generalsgehälter wurden auf 1/3 ihrer ursprünglichen Höhe herabgesetzt.
Friedrich Wilhelm hatte es zum Lebensgesetz für den preußischen Staat gemacht, den
Staatshaushalt ohne Schulden zu führen. Der preußische Staat lebte unter
Beanspruchung aller seiner Kräfte ganz aus sich selbst. Es war Friedrich Wilhelms
staatsökonomisches Ideal, schuldenfrei zu wirtschaften. Der König und seine Beamten
fühlten sich an des christlich -calvinistische Ethos gebunden, das eine Vertrauensbasis im
preußischen Staat herstellte, die in Verwaltung und Rechtsprechung über 200 Jahre
dauerte. Das Wort Friedrich Wilhelms an seine Nachfolger: „Macht keine Schulden und
gebt nicht mehr aus als ihr einnehmt“, hatte als ethisches Gebot Gültigkeit bis zum
Untergang des Deutschen Reiches 1918.
An dieser Stelle sollte an den preußischen Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten
von Hindenburg erinnert werden. Als Reichskanzler Brüning ihm 1931 die Notwendigkeit
vortrug, die Beamtengehälter um 10 % zu senken, sagte der Reichspräsident: „Ich
unterschreibe diese Notverordnung nur, wenn das Gehalt des Reichspräsidenten, also
sein eigenes, und der Minister um 15 % und die Diäten der Abgeordneten um mindestens
12 % gesenkt werden.“ Mit dieser Gehaltssenkung änderte sich zwar die Wirtschaftslage
insgesamt nicht, aber es war ein Zeichen, ein wichtiger Anstoß zur Akzeptanz der
notwendig gewordenen Gehaltskürzungen.
Friedrich der Große hielt sich an diese Sparsamkeitsgebote gebunden, indem er in
seinem Testament feststellte: „Eine Regierung muß sparsam sein, weil das Geld, das sie
erhält, aus dem Blut und Schweiß des Volkes stammt. Das Geld ohne Rücksicht auf die
Zukunft ausgeben, heißt handeln wie ein Tyrann und nicht wie ein Vater des Volkes.
Denn nur die Völker sind glücklich, die unter der Herrschaft einer Regierung leben, die
ihre Finanzen gut geregelt hat.“
Mit diesen Maximen preußischer Könige haben die Regierungen die Voraussetzungen
geschaffen, unter denen sich die preußisch-deutsche Wirtschaft so atemberaubend
entwickeln konnte. Von den 420.000 öffentlich Bediensteten im Deutschen Kaiserreich
gehörten lediglich 45.000 Beamte dem höheren Dienst an. Heute sind über 4 Millionen
öffentlich Bedienstete (Halbtagskräfte umgerechnet) zur Regierung und Verwaltung
erforderlich, wovon wiederum 800.000 dem höheren Dienst angehören. In den Talk-
Shows des Fernsehens, die weitgehend die Debatten in den Parlamenten ersetzen, wird
über das Thema Staatskosten nicht gesprochen. Kein Wort wird dem Problem des
föderalistischen Staats mit 16 Ländern gewidmet. 16 Minister mit über 300
Staatssekretären belasten den Staatshaushalt in unvertretbarem Umfang. Mit der
Reduzierung der Zahl der Länder könnten Sparmaßnahmen getroffen werden, die die
Staatsverschuldung senken und nicht weiter erhöhen. In Preußen waren wie bereits
bemerkt 34 Beamte für Bildung, Universitäten und Schulen zuständig. Heute sind es 16
Ministerpräsidenten, 16 Minister und 32 Staatssekretäre sowie 130.000 öffentlich
Bedienstete. Die Ab
teilung für Bildung und Schulen war in Preußen äußert erfolgreich, in der Bundesrepublik
Deutschland hat die aufgeblähte Bildungsbürokratie die PISA-Studie hervorgebracht und
bundesweit 2.500 Lehrpläne in den Schulen. Ein Bildungs-Chaos, das für die
Arbeitslosigkeit eine gehörige Mitverantwortung trägt.
Um die sozialistische Agitation gegen die Marktwirtschaft an den Universitäten
abzuschwächen, hielt es der von 1892 bis 1899 amtierende Kultusminister Robert Bosse
für angemessen, die Wirtschaftsprofessoren zu bitten, diffamierende Äußerungen über
Unternehmer zu unterlassen, weil man nicht die Henne beschädigen dürfe, die für „uns“
goldene Eier lege. Für den wirtschaftlichen Erfolg des Kaiserreichs spielte auch die
Psychologie eine große Rolle. 380.000 neue Arbeitsplätze entstanden jedes Jahr. Das
bedeutete 380.000 Investitionsentscheidungen pro Jahr, denn für jeden Arbeitsplatz war
und ist eine bestimmte Investition erforderlich. Hier zeigte sich das unbegrenzte
Vertrauen der Unternehmer in die Stetigkeit und Glaubwürdigkeit des Staates, in seine
Rahmenbedingungen und in den steuerlichen und gesetzlichen Freiraum, den der Staat
ihnen gewährte. Seit Ludwig Erhard wissen wir, daß mindestens 50 % der Wirtschaft
Psychologie ist. In der Gewerbeordnung Bismarcks vom Mai 1869 wird in § 105
bestimmt: „Die Festsetzung der Verhältnisse zwischen den selbständigen
Gewerbetreibenden und ihren Gesellen, Gehülfen und Lehrlingen ist Gegenstand freier
Übereinkunft.“ Heute kann der Unternehmer über sein Verhältnis zu den Mitarbeitern,
und das gehört zu seinen wichtigsten Unternehmerentscheidungen, nicht mehr
unabhängig entscheiden. Mitbestimmungsgesetz, Flächentarife und Medien lassen den
Unternehmer in Deutschland zu einer Person unsozialer und zweitrangiger Qualität
werden. Nach Ansicht des Instituts der deutschen Wirtschaft wird Deutschland mit der
bedrückendsten gewerkschaftlichen Mitbestimmung der ganzen Welt belastet. Nicht die
Unternehmer, sondern die Gewerkschaften haben heute den größten politischen und
wirtschaftlichen Einfluß. Mit der Unternehmerschelte durch die Sozialdemokraten im April
2005 wird von diesem Übel der deutschen Wirtschaft abgelenkt. Jahrzehntelang haben
die Gewerkschaften Lohnerhöhungen gefordert (und auch durchgesetzt), die über den
Produktivitätsanstieg hinausgingen. Es war die Verletzung einer wirtschaftlichen
Grundnorm. Dafür bezahlen wir heute mit einer hohen Arbeitslosigkeit.
Ein zu großer Teil der unternehmerischen Tätigkeit wird von der Einhaltung gesetzlicher
Regulierungen und von der Auseinandersetzung und Abstimmung mit den
Gewerkschaftsvertretern verbraucht. Es ist eine volkswirtschaftlich nicht mehr zu
rechtfertigende Vergeudung unternehmerischer Energien. Ich nenne als Beispiel: Jeder
Unternehmer muß neben vielen anderen Gesetzen noch folgende Gesetze kennen und sie
zur Kenntnis der Mitarbeiter im Betrieb an geeigneter Stelle aushängen:
Jugendarbeitsschutzgesetz Arbeitszeitgesetz
Mutterschutzgesetz
Bundeserziehungsgeldgesetz Ladenschlußgesetz
Auszug aus dem BGB Arbeitsgerichtsgesetz
Beschäftigtenschutzgesetz
Sozialgesetz, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen
Vergleichen wir die Freiheit des Unternehmers im preußisch-deutschen Staat mit den
unzähligen Behinderungen des Unternehmers in unserer heutigen Demokratie, dann
können wir nur sehnsuchtsvoll im Interesse unserer Wirtschaft und im Interesse der
vielen Arbeitslosen an diese Zeit zurückdenken, die unter preußischem Einfluß stand.
Abschließen möchte ich meine Ausführungen noch mit einigen bemerkenswerten
Feststellungen des in Politik und Wissenschaft hoch angesehenen Professors Theodor
Eschenburg, er war Staatsrechtler, lehrte in Tübingen und ist dort 1999 im 95.
Lebensjahr gestorben. Eschenburg sagte:
1. Nach den guten Erfahrungen, die die Engländer und Amerikaner mit dem
Mehrheitswahlrecht machen, sollten wir es auch einführen.
2. Nach dem Kriege wollten Konrad Adenauer und Carlo Schmidt keinen
Bundesrat. Seine Einführung war ein großer Fehler.
3. Wir haben zu viele Länder. Sie belasten in unvertretbarer Höhe den
Staatshaushalt.
4. Mit 672 Abgeordneten ist der Bundestag nicht arbeitsfähig. 300 Abgeordnete
reichen völlig aus. Auch die Länderparlamente müssen wesentlich abspecken.
5. Politiker sind feige. Die meisten kleben an ihren Posten, weil sie im zivilen
Leben nie einen derartigen Lebensstandard und ein so hohes soziales Ansehen
hätten erreichen können.
6. Man tut Bismarck Unrecht, wenn man Kohl mit ihm vergleicht.
In meinem Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau wird mir oft die Frage gestellt,
warum ist dieses erfolgreiche Preußen -Deutschland ohne Aufsehen und nahezu
unmerklich von der politischen Bühne verschwunden? Meine Antwort darauf: Preußen ist
nicht, wie es sozialistische Histo
riker behaupten, sozusagen aus eigenen innenpolitischen Versäumnissen untergegangen,
sondern es wurde Opfer eines Ereignisses, das der bekannte amerikanische
Außenpolitiker und Historiker George F. Kennan in seinem Buch „The decline of
Bismarcks European order“ als Urkatastrophe Europas bezeichnet hat. Gemeint ist der
Erste Weltkrieg.
Lloyd George, der britische Premierminister, sagte 1919 kurz nach Kriegsende: „Keiner
der führenden Politiker dieser Zeit hat den Krieg wirklich gewollt. Sie glitten
gewissermaßen hinein, oder besser, sie taumelten oder stolperten hinein, vielleicht aus
Torheit.“ Dieser Auffassung folgt heute die überwiegende internationale Historikerzunft.
Mit deutschen Politikern, Fernsehmachern und Historikern müssen wir noch etwas Geduld
haben, bis auch sie sich endlich diesen Einsichten anschließen.
Folgen wir den Gedanken von George F. Kennan, hatte der Krieg eine lange
Vorgeschichte.
1. Der atemberaubende Aufstieg des Deutschen Reiches zur ersten Wirtschaftsund
Wissenschaftsmacht ängstigte die anderen Großmächte. Die englische
Behauptung, Deutschland beabsichtige den Sturz des britischen Imperiums, hatte
den gleichen Propagandazweck wie im Jahre 2002 die Massenvernichtungsmittel
im Irak für die amerikanische Propaganda. Eine solche Absicht des Deutschen
Reiches läßt sich weder aus den Akten noch aus den Anmerkungen irgendeines
Politikers nachweisen. Deutschland hatte keine Welteroberungspläne und nicht die
geringsten Verdrängungsabsichten, Deutschland war friedlich und nicht der Fuchs
inmitten harmlosen Federviehs.
2. Das von Frankreich eingefädelte Bündnissystem zwischen Rußland, Frankreich
und England ängstigte andererseits die deutsche Regierung und erzeugte ein
Gefühl des Bedrohtseins. Schon Bismarck litt unter dem Alptraum des
Eingekreistwerdens. Die Bedeutung dieses gegen Deutschland gerichteten
Bündnissystems, das schon 1892 abgeschlossen und 1904 durch den Beitritt
Englands ergänzt wurde, ist ein entscheidender, man kann sogar sagen der
auslösende Grund für die Entstehung des Ersten Weltkrieges gewesen. Es war
eines der wesentlichen Ursachen der Verspannungen innerhalb der europäischen
Großmächte. Es ist zwar zutreffend, aber der gegenwärtigen politischen
Korrektheit nicht angemessen, der russischen Innenpolitik, der franzosischen
Aggressivität und dem Bündnissystem zwischen England, Frankreich und Rußland
die entscheidenden Ursachen für den Ausbruch des Krieges beizumessen. So
jedenfalls sieht es Kennan.
Wir sollten endlich damit aufhören, ausschließlich die unmittelbaren Anlässe für den
Beginn der Kampfhandlungen als die eigentlichen Ursachen für die europäische Tragödie
zu betrachten. Diese Tragödie liegt vielmehr
in der Weigerung der Alliierten zum Abschluß eines Verhandlungsfriedens zum
Jahreswechsel 1916/17. Nachdem die Länder in den Krieg „hineingeschliddert“ sind, ihn
zu vermeiden unfähig waren, hätten sie wenigstens die Notwendigkeit zu seiner
schnellstmöglichen Beendigung erkennen und alle Anstrengungen zu einem guten
Verhandlungsfrieden unter Wahrung der Würde der Nationen ergreifen müssen, wie das
so oft in der Geschichte der Staatsmänner Europas gelungen war. Während die Soldaten
beider Seiten verbluteten, allein in den Schlachten an der Somme und vor Verdun fielen
1,7 Millionen Soldaten, trafen sich die Politiker der Ententemächte im Sommer 1916 zu
einer Wirtschaftskonferenz in Paris, um dort die Niederwerfung der deutschen Wirtschaft
als verbindliches Kriegsziel zu beschließen. Sie einigten sich darauf, den Zugang der
deutschen Wirtschaft zu den Weltrohstoffreserven zu kontrollieren und Deutschland nach
dem Krieg wirtschaftlich niederzuhalten. In den von den Alliierten diktierten
Friedensbedingungen in Versailles fand diese Vereinbarung ihren Niederschlag.
Es fällt noch heute schwer, für den Fanatismus der englisch-französischen Politiker
angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands, dem Herzen Europas, auch nur
ein Wort des Verständnisses zu finden. Nur Deutschland hatte die Kraft und die Fähigkeit,
die sich in den Vorkriegsjahren anbahnende, über die Grenzen der Nationalstaaten
hinausreichende europäische Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik
auszubauen und voranzutreiben, womit der alte Kontinent sich unter Bewahrung seiner
dominierenden Stellung gegenüber den neuentstehenden Zentren in Amerika und Asien
hätte erfolgreich behaupten können. Von einem funktionierenden Wirtschaftssystem
hatten die alliierten Politiker keine Vorstellung. Auch der schon recht bekannte englische
Nationalökonom Keynes hat die Vereinbarung auf der Pariser Wirtschaftskonferenz und
die spätere Regelung des Versailler Vertrages aus wirtschaftlichen-, moralischen und
politischen Gründen auf das schärfste verurteilt. Die Verhinderung eines
Verhandlungsfriedens 1916 und 1917 ist vorwiegend auf die Beteiligung der USA am
Ersten Weltkrieg zurückzuführen. Nicht der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, sondern
seine unmoralische und traditionswidrige Beendigung ist die eigentliche Tragödie
Europas. Das Deutsche Reich hat auf stillen Wegen über die Schweiz, über Schweden und
über die katholische Kirche Friedensfühler ausgestreckt. Französische Historiker haben
wiederholt die Ernsthaftigkeit dieser Bemühungen betont, auch wenn deutsche Historiker
diese Ernsthaftigkeit bestreiten. Seit Dezember 1916 wußten England und Frankreich,
daß sich Amerika aktiv am Krieg beteiligen wird. Man wartete nur auf die Entscheidung
der deutschen Regierung zum unbeschränkten U-Boot-Krieg, um einen Vorwand für den
direkten Kriegseintritt zu haben. Mit dieser Gewißheit im Rücken waren Franzosen und
auch Engländer zu keinem Verhandlungsfrieden bereit, obwohl beide bereits aus dem
letzten Loch pfiffen.
Millionen von Soldaten hätten nicht ihr Leben verlieren müssen, wenn sich die Alliierten
zu einem Friedensgespräch bereit gefunden hätten. Das Verhängnis Europas nahm
seinen Lauf.
Stand: 29.04. 2005
Ehrhardt Bödecker