Goldene Krone

 

Preußen, ein Vorbild für Kultur und Lebensform

Ein Vortrag

Erhardt Bödecker


Verehrte Damen und Herren, in den vergangenen 50 Jahren haben

Politik, Wissenschaft, Schulen und Medien die deutsche Geschichte

weitgehend auf die Zeit des Nationalsozialismus verkürzt. Die

geschichtlichen Ereignisse, die dieser Zeit vorangegangen waren,

wurden mit der Behauptung einer geschichtlichen Kontinuität als

Vorläufer zu der Zeit des Nationalsozialismus betrachtet. Fakten und

Zahlen wurden elegant umschifft, so daß sich angesichts der mit

Geschichtskenntnissen leider nur knapp ausgestatteten deutschen

Bildungsschicht ein unzureichendes, sogar ein falsches Bild von der

deutschen Geschichte verfestigen konnte.

Professor Wolfgang J. Mommsen schrieb in der Frankfurter Rundschau am 1. Dezember

1986, daß sich historische „Forschung“ in Deutschland an den Grundwerten einer

demokratischen Parteiendemokratie zu orientieren hätte. Diese Vorgaben seien auf eine

politischen Absicht zurückzuführen. Der preußische Staat, so Mommsen weiter, sei daher

zur Unperson erklärt worden. Man habe ihn aus der politischen und geschichtlichen

Diskussion ausgeklammert. Charakteristisch die Erklärung Roosevelts vor dem

amerikanischen Abgeordnetenhaus am 17. September 1943: „Wenn Hitler und die Nazis

verschwinden, muß sogleich die kriegslüsterne preußische Bande in Deutschland

ausgerottet werden“.

Der richtige Orientierungsmaßstab sollte dagegen nicht die politische Absicht, sondern

die Bibel sein: Dort heißt es in Matthäus Kapitel 7: „An ihren Früchten sollt ihr sie

erkennen. Trauben kann man nicht von Dornen und Feigen nicht von Disteln ernten.“

Dieses Gebot der Bibel entspricht der Forderung von Otto Braun, dem letzten

preußischen Ministerpräsidenten der Weimarer Zeit. Er äußerte 1947 in einem Brief aus

seinem Schweizer Exil: „Dem international grassierenden Antipreußenkoller können wir

nur mit Fakten, wirklich nur mit Fakten, begegnen.“ Nun gehört der Umgang mit Zahlen,

und sie sind eine erstrangige Faktenquelle, nicht zu den bevorzugten Beschäftigungen

von Historikern. Das gilt zwar weltweit, aber im besonderen Maße für deutsche

Historiker. Wenn ein bekannter deutscher Historiker in einem zweibändigen Werk über

das Kaiserreich von einer 20 prozentigen Geldentwertung spricht, statt für den

angegebenen Zeitraum die jährliche Inflationsrate mit 0,48 % Prozent anzugeben, dann

zeigt das entweder seine Unkenntnis von Zinseszinsrechnung oder, was wahrscheinlicher

ist, die Absicht zu einer politisch- ideologisch erwünschten Darstellung. Die

Bundesrepublik Deutschland hatte in einem gleichen Zeitraum, nämlich von 38 Jahren,

gemeint sind die Jahre von 1962 – 2000, eine jährliche Inflationsrate von 3,14 %. Im

Vergleich dazu sind 0,48 % eine wirtschaftlich zu vernachlässigende Größenordnung.

Auch die Frage der Staatsverschuldung wird aus ideologischen Gründen von Historikern

bewußt undeutlich oder sogar falsch dargestellt. Pro Kopf der Bevölkerung hatte

Deutschland mit Abstand die geringste Staatsverschuldung in Europa. Nach Kaufkraft und

Preisindex umgerechnet betrug die echte Staatsverschuldung im Jahre 1912 pro

Einwohner 1.603 €. Die gegenwärtige Staatsschuld (ohne die stillen Schulden) beträgt

dagegen 16.585 € pro Einwohner, ist also über 10 mal so hoch. Und diese hohe

Staatsverschuldung wird heute von einer extrem hohen Steuerbelastung begleitet. Die

Steuerbelastung pro Kopf in der Bundesrepublik Deutschland beträgt etwa das 20fache

der durchschnittlichen Steuerbelastung des Jahres 1912. In runden Zahlen: 500 € 1912

gegenüber 10.000 € 2004. Und es hat im Kaiserreich immer wieder ernsthafte

Bemühungen gegeben, wir wissen das aus den Protokollen des Reichstags, diese

Staatsverschuldung durch staatliche Einsparungen zu reduzieren. Heute wird nur noch

über die Höhe der jeweiligen jährlichen Neuverschuldung gesprochen. Kann diese

Einstellung zu Schulden nicht ein preußisches Vorbild für unsere heutige Lebensform

sein?

Nach Jahrhunderten der Zersplitterung und Teilung Deutschlands erlangte endlich auch

Deutschland im Jahre 1871 seine Einheit. In alter Tradition erhielt der neue deutsche

Bund, der aus 25 Ländern und Städten bestand, auf Wunsch Bismarcks den Namen

„Deutsches Reich“, zum Bundespräsidenten wurde der preußische König auf Lebenszeit

mit dem erblichen Titel „Deutscher Kaiser“ gewählt. Auch Deutschland erfreute sich jetzt

der staatlichen Einheit, die in England und Frankreich schon seit 1453, dem Ende des

sogenannten 100jährigen Krieges, bestand. 400 Jahre hatten diese beiden Staaten Zeit,

sich als Nationen staatlich und wirtschaftlich zu entwickeln. Man erwartete und verlangte

von Deutschland eine gleiche Entwicklung innerhalb von noch nicht einmal 40 Jahren.

Der französische Außenminister Jules Bastide stellte am 20. August 1848, dem Jahr der

sogenannten demokratischen Revolution, fest: „Wir werden die nach Einheit strebenden

demokratischen Kräfte in Deutschland bekämpfen. Deshalb werden wir die deutschen

Fürsten unterstützen und keinen Gesandten einer deutschen demokratischen

Zentralgewalt empfangen“. Die Aufrechterhaltung der deutschen Teilung gehörte

jahrhundertelang zum Staatsziel der französischen Politik. Auch nach dem Ende des

Zweiten Weltkrieges.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine, der größten technischen Revolution in der

Menschheitsgeschichte, hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung in

England begonnen. Der in Reutlingen geborene Professor Friedrich List erahnte die

kommende Entwicklung und forderte schon 1819: „Die wachsende Macht Amerikas und

die Vergrößerungssucht Rußlands gebieten einen einheitlichen Wirtschaftsraum in

Deutschland und später in Europa.“ Preußen erließ in Erkenntnis dieser Lage seine

Steuer- und Zollgesetze von 1818. An die 200 Binnenzölle wurden in Preußen beseitigt.

Statt dessen wurden Durchgangszölle erhoben. Preußen grenzte an 28 Staaten, die nun

durch diese Durchgangszölle belastet waren. Denn ohne Berührung preußischen Gebietes

konnten keine Waren aus diesen Staaten transportiert werden. Daher schlossen sich

andere deutsche Staaten bis 1834 dem preußischen Zollsystem an, es kam zum

Deutschen Zollverein unter preußischer Führung. Ein Verdienst der preußischen

Bürokratie. Jetzt konnte sich die industrielle Entwicklung in Deutschland endlich frei

entfalten. Handel und Industrie nahmen überall zu. Der Deutsche Zollverein war die

Vorstufe zunächst für den Norddeutschen Bund und später für die Einigung Deutschlands

unter preußischer Führung, es war die Vorstufe zum Aufstieg Deutschlands zur ersten

Wirtschafts- und Wissenschaftsnation in Europa.

Die Überwindung der zum Teil recht heftigen politischen und landsmannschaftlichen

Gegensätze in Deutschland erforderte von der kaiserlichen Regierung nicht nur eine

erhebliche Anstrengung, sondern auch ein gerütteltes Maß an Regierungsgeschick. 25

Städte und Länder mußten 1871 unter einen Hut gebracht werden. 1866 hatten einige

von ihnen im preußisch-österreichischen Krieg noch gegeneinander gekämpft. Sie waren

an Selbständigkeit gewöhnt. Jetzt mußten sie sich einordnen. Der bekannte

amerikanische Historiker, der den deutschen Namen Otto Pflanze trägt, hat in seiner

großen Bismarck-Biographie diese Situation wie folgt umschrieben: „Die Hindernisse, die

einer nationalen Einigung in Deutschland entgegenstanden, hatten regionale, kulturelle,

religiöse und soziale Ursachen. Seit der Reformation hatten sich in allen großen Kriegen

auf dem europäischen Festland deutsche Staaten mit außerdeutschen gegen ihre

deutschen Nachbarn verbündet. Auch den nationalen Minderheiten war zuzutrauen, daß

sie im Verein mit auswärtigen Mächten den Bestand des Deutschen Reiches bedrohten.“

Ende des Zitats.

Von diesen Gegensätzen wären in erster Linie zu nennen:

- Die Gegensätze von Protestanten und Katholiken,

- der Antagonismus von Sozialismus und Marktwirtschaft,

- die Verschiedenheit der Mentalitäten in Nord und Süd, in Ost und West,

- ferner waren die Minderheitenprobleme von Polen, Dänen und Lothringern zu beachten.

Doch die wichtigste soziale Veränderung war der Übergang von der Agrargesellschaft zur

Industriegesellschaft. Denn dieser Übergang erzeugte ein großes Potential von jungen,

leicht beeinflußbaren Industriearbeitern, die vorwiegend aus den ländlichen Gebieten

kamen, wo sie in Folge der zunehmenden Mechanisierung der Landwirtschaft und des

gleichzeitigen Geburtenüberschusses keine Arbeit mehr finden konnten.

Der englische Premierminister Disraeli meinte nach der Erlangung der deutschen Einheit

1871, daß die bisherige europäische Außenpolitik nun nicht mehr gültig sei. Der

französische Ministerpräsident Adolphe Thiers stellte in ähnlicher Mentalität fest, daß die

deutsche Einigung ein Attentat gegen Europa sei.

Die Lösung dieser schwierigen internationalen und nationalen Folgen der deutschen

Einheit wurde zusätzlich durch einen gewaltigen Geburtenüberschuß erschwert: 600.000

Menschen kamen jährlich von 1871 – 1914 hinzu. Die Bevölkerung wuchs von 40

Millionen auf 67 Millionen an. Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung waren 30 Jahre und

jünger. Reichskanzler Graf Leo von Caprivi, der Nachfolger Otto von Bismarcks, sagte vor

dem Reichstag am 10. Dezember 1891: „Wir müssen exportieren: entweder wir

exportieren Maschinen oder wir exportieren Menschen. Mit dieser steigenden Bevölkerung

sind wir ohne eine gleichmäßig zunehmende Industrie nicht in der Lage, weiter zu leben.“

Das Deutsche Reich durchlebte einen dramatischen Bevölkerungszuwachs. Trotzdem

hatte Deutschland

- mit 0,9 % die geringste Analphabetenquote

- mit 1 – 2 % die geringste Arbeitslosigkeit

- mit 54 Goldmark pro Kopf die geringste Steuerbelastung (1913) in Europa

- die geringste Staatsverschuldung

- das höchste Bildungsniveau

- mit 20 Nobelpreisträgern das höchste Wissenschaftsniveau

- die Führerschaft auf allen industriellen High-tech Gebieten (Chemie, Optik, Elektrizität,

Spezialmaschinenbau)

- mit 87 % Weltmarktanteil in Chemie die absolut Führende Stellung der Chemie in der

Welt.

In seiner bekannten Bismarck-Biographie stellt Professor Lothar Gall aus Frankfurt fest,

daß Preußen- Deutschland die modernste und effektivste Wirtschaftsverfassung der Welt

gehabt habe. Die bismarck‘sche Regierung verfolgte mit Ihrer Marktwirtschaft einen

Mittelweg, sie lehnte es ab, Deutschland dem Sozialismus auszuliefern, aber ebenso

weigerte sie

sich, dem unsozialen Liberalismus unbeschränkt die Tür zu öffnen. Auch auf diesem

Gebiet war Deutschland der modernste Staat in der Welt. Es fällt uns Heutigen schwer,

den Vorbildcharakter des preußisch-kaiserlichen Systems für Mensch und Wirtschaft zu

erkennen. Es war ein System, das sowohl den Menschen wie auch dem Staat zum Vorteil

gereichte und eine für uns heute kaum noch vorstellbare Vielfalt in den öffentlich

geäußerten Meinungen zuließ.

Nicht ganz 2/3 der Bevölkerung, demnach rund 42 Millionen Menschen, waren 30 Jahre

oder jünger. Das Kaiserreich hatte eine sehr junge Bevölkerung, und das gilt auch noch

für die Weimarer Zeit. Das international begehrte Produkt „made in Germany“ (seit

1887) wurde von jungen Menschen hergestellt. Heute beträgt der Anteil von jungen

Menschen nur noch knapp 1/3 oder 27 Millionen. Bei gleichem prozentualem Anteil wie

im Deutschen Kaiserreich fehlen in der Bundesrepublik Deutschland heute 21 Millionen

junge Menschen. Diese Zahl verdeutlicht das eigentliche Problem der Bundesrepublik

Deutschland. Der deutsche Volkskörper hat in den letzten 30 Jahren einen größeren

Verlust erlitten als im Zweiten Weltkrieg. Außerdem fand damals die größte

Binnenwanderung in der deutschen Geschichte statt. Jeder zweite Deutsche lebte nicht

an seinem Geburtsort. Die Wirtschaftstheoretiker nennen das heute: Mobilität. Von den

20- bis 30jährigen waren 12 % der gesamten Bevölkerung oder 85 % des jeweiligen

Jahrgangs erwerbstätig. In der Bundesrepublik sind es gerade noch 8 %. Dieses

fundamentale Problem Deutschlands wird in der gegenwärtigen Politik kaum beachtet,

noch weniger besprochen.

Die Bismarck-Regierung hat sich von den unvergleichlichen Schwierigkeiten und

Problemen nicht daran hindern lassen, sogar eine Arbeiterschutzversicherung

einzuführen, die sich auf das Deckungsprinzip stützte und nicht auf das gegenwärtige

Umlageprinzip. Der Staat leistete einen wesentlichen Beitrag zur notwendigen

Anschubfinanzierung. Es ist irreführend, wenn heute der Eindruck erweckt wird, als wenn

schon Bismarck unser heutiges marodes Umlageverfahren innerhalb der

Sozialversicherung eingeführt hätte. Gegen Finanzminister Fritz Scheffer und

Wirtschaftsminister Ludwig Erhard schaffte Adenauer die letzten Rudimente einer

Kapitaldeckung der Rentenversicherung ab und stellte auf ein umlagenfinanziertes

System um. Das treibt heute die Lohnnebenkosten in schwindelnde Höhe. In völliger

Verkennung der Situation wurden zusätzlich die Altersgrenzen flexibilisiert, so umschrieb

man semantisch verfälschend diesen wirtschaftspolitischen Irrsinn. Die Unternehmen

haben hiervon reichlich Gebrauch gemacht, indem sie die Lösung ihrer inneren

personalen Probleme mit einer Frühverrentung auf Kosten der Allgemeinheit suchten.

Warum dem Deutschen Kaiserreich in der gegenwärtigen historischen und politischen

Literatur Eigenschaften unterstellt werden, die zu seinen

wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolgen im krassen Widerspruch stehen, hat

keine anderen als politische und ideologische Ursachen. Militarismus, obrigkeitsstaatliche

und autoritäre Verformung des Volkes hätten nämlich dem wirtschaftlichen und

wissenschaftlichen Erfolg des Kaiserreichs geradezu entgegengestanden. Der englische

Wirtschaftsphilosoph Herbert Spencer (1820-1903) stellte schon zu seiner Zeit fest, daß

in einem obrigkeitlichen und militanten Staat keine leistungsfähige Wirtschaft entstehen

könne. Trotz intensiver Beschäftigung mit diesem Thema, ist es mir bis heute nicht

gelungen, eine Erklärung dafür zu finden, warum sich Abiturienten und selbst

akademisch gebildete Menschen von diesen ideologischen und unbewiesenen

Behauptungen über das Kaiserreich so leicht manipulieren lassen.

Von der internationalen Wissenschaft als der bedeutendste Philosoph der neueren Zeit

wird der Preuße Immanuel Kant aus Königsberg eingeschätzt. Er verehrte seinen König

Friedrich, und umgekehrt ließ dieser Kant durch seinen Kultusminister Karl Abraham

Freiherr von Zedlitz jede mögliche Förderung angedeihen. Dieser Philosoph mit seinen

umwälzenden und eigenwilligen Gedanken wurde im friderizianischen Staat nicht nur

geduldet, sondern sogar gefördert. Schon als Student distanzierte sich Kant von dem

Herdentrieb der Menge und verurteilte „den Troß der Nachbeter“. Er übernahm die

Forderung des berühmten römischen Dichters Horaz: „Sapere aude“ und übersetzte

diesen Ausspruch mit den Worten: „Habe den Mut zum eigenen Urteil“. Ein eigenes Urteil

setzt allerdings Kenntnisse voraus. Doch Geschichtskenntnisse, die ein eigenes Urteil

ermöglichen, haben heute nicht einmal mehr Politiker oder Regierungsbeamte, obwohl

Kenntnisse zumindest über die Vergangenheit desjenigen Staates, den sie regieren

sollen, unentbehrlich sind. Deswegen legten die preußischen Könige auf

Geschichtskenntnisse bei ihren Beamten den größten Wert. Doch kehren wir zu dem

berühmten Ausspruch Kants vom 15. Dezember 1783 über die Aufklärung zurück.

Treffender und überzeugender könnte die gegenwärtige Situation nicht dargestellt

werden als mit jenen Worten Immanuel Kants: „Faulheit ist die Ursache, warum ein so

großer Teil der Menschen zeitlebens unmündig bleibt; und warum es anderen so leicht

wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe

ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat,

einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, so brauche ich mich nicht selbst zu bemühen.

Ich habe es nicht nötig zu denken. Andere werden das verdrießliche Geschäft schon für

mich übernehmen. Jene Vormünder, die die Oberaufsicht über die unmündigen

übernommen haben, gestatten keinen Schritt außerhalb des Gängelwagens, in den sie

die Unmündigen einsperren. Sie zeigen Ihnen die Gefahr, die Ihnen drohet, wenn Sie es

versuchen sollten, allein zu gehen. Es ist für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus

der ihm zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten.“ Setzen wir für

Vormünder, Oberaufsicht und Gängel

wagen Fernsehen, Presse und Geschichtsbücher, dann können wir diese Definition Kants

von der Aufklärung nahtlos auf die heutigen Zustände übertragen. Ein anderer berühmter

Vertreter der Aufklärung war Johann Gottfried Herder, ebenfalls ein Preuße, Theologe

und Geschichtsphilosoph, der die Sturm- und Drangperiode der deutschen Klassik

vorbereitet hatte. Unnachahmlich sagte er: „Menschenrechte können nicht ohne

Menschenpflichten genannt werden.“

Meine Damen und Herren, mit diesem kleinen Ausflug in die preußische Aufklärung sollte

daran erinnert werden, daß Christian Thomasius, Christian Wolff, August Hermann

Francke, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Moses Mendelsohn, Gotthold Ephraim

Lessing die geistigen Grundlagen des preußischen Staates geprägt haben. Nur wer

versteht, daß die preußische Bildung das eigene Urteil, gar die Eigenständigkeit des

Menschen und seine Selbständigkeit durch solide Kenntnisse zum Ziel hatte, wird diesen

Staat verstehen können.

Ausgerechnet eine amerikanische Historikerin, nämlich Margaret Lavinia Anderson, hat

erst kürzlich in einem beachtenswerten Buch auf die Irrtümer deutscher Professoren bei

der Beurteilung des Kaiserreichs aufmerksam gemacht. Innerhalb der

Kommunalverwaltung sei die Mitwirkung der Bevölkerung stärker ausgeprägt gewesen

und gefördert worden als in den Musterdemokratien England oder den USA. Professor

Peter Baumgart, ein namhafter Historiker auf dem Gebiet der preußischen Geschichte,

monierte schon 1981 das Fehlen von Vergleichszahlen zwischen England, Frankreich und

Preußen- Deutschland. Trotzdem ist seither in der historischen Wissenschaft in

Deutschland nichts geschehen. Man scheut die Vergleichszahlen wie der Teufel das

Weihwasser. Zum ersten Mal seit 1945 werden umfangreiche Vergleichszahlen auf vielen

Gebieten in meinem Buch „Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“ veröffentlicht. Historiker

und Politiker benötigen nur noch die Fähigkeit, diese statistischen Zahlen zu

interpretieren. Nach Professor Gerhard A. Ritter ermangelt es jedoch den meisten

Professoren an dieser Fähigkeit.

Ein junges, gut ausgebildetes, fleißiges und diszipliniertes Volk eroberte sich die

internationalen Märkte, die von den etablierten Mächten beansprucht und zu Unrecht als

ihre ureigene Domäne betrachtet wurden. In den fortschrittlichen Zukunftstechniken wie

Elektrizität, Chemie, Optik, Maschinenbau und Feinmechanik hatte Deutschland England

schon längst den Rang abgelaufen. Ebenfalls in der Stahl- und Eisenerzeugung. Die erste

synthetische Farbe wurde von dem deutschen Chemiker Hoffmann hergestellt.

Deutschland beherrschte 87 % des Weltmarktes der Chemie. Noch 1950 wurde in den

USA die Kenntnis der deutschen Sprache für die Zulassung zum Chemiestudium

gefordert. Mit synthetischen Farben und Fasern, mit Kunststoffen, mit Arznei und

Düngemitteln aus Kohle, Wasser, Kalk und Luft stießen die deutschen Wissenschaftler die

Tür zu

einem neuen Zeitalter auf, dem Zeitalter der Chemie. Begriffe wie Perlon und Dralon,

Plexiglas, Styropor, Buna und Moltopren , Indanthren und Agfacolor, Aspirin, Salvarsan

und Bayer 205 wurden weltweit geläufige Begriffe, die fast zur Alltagssprache geworden

sind. Besonders die USA und England neideten Deutschland diese herausragende

Stellung. Sie raubten die Früchte deutscher Wissenschaft sowohl nach dem Ersten wie

auch nach dem Zeiten Weltkrieg. Und damit sind wir bei der ersten Ursache für die von

allen bewunderte Fähigkeit des Deutschen Reiches, Arbeitsplätze zu schaffen.

Preußen-Deutschland war das führende Land der Bildung, Ausbildung, Fortbildung und

Wissenschaft. Der Kurfürst Friedrich III ., der sich 1701 zum König in Preußen krönte,

gründete 1694 die Hallesche Universität und räumte dem Waisenhaus von August

Hermann Francke, der Franckeschen Stiftung in Halle, zahlreiche Privilegien ein, um

dessen Lebensfähigkeit zu erleichtern. Lesen, Schreiben, Rechnen und Naturkunde

verbanden sich mit Bescheidenheit, Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß und Standfestigkeit:

„Gott zur Ehr und zu des Landes Bestem“ war die Maxime dieses Ausbildungssystems.

Auch unter den großen Reformen des Bildungswesens in der Epoche Humboldt/Altenstein

Anfang des 19. Jahrhunderts, es war die Zeit vor und nach der Beendigung der Kriege

gegen Napoleon, änderte sich an diesen Bildungsgrundsätzen nichts. Die Dreigliederung

der Ausbildung in Volksschule, Gymnasium und Universität baute inhaltlich auf diesen

Gedanken auf. Das gilt auch für die Schulkonferenz vom Jahre 1900, in der unter

Ministerialdirektor Friedrich Althoff, dem größten deutschen Bildungspolitiker, die Schulen

grundlegend reformiert wurden. Das Ergebnis dieser Schulkonferenz war gültig bis 1963,

es überdauerte Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und die ersten Jahre

der Bundesrepublik Deutschland. Auf das unverzeihliche Versäumnis der deutschen

Bildungspolitik seit 1964 hat der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau in einer

seiner großen Reden hingewiesen.

Gegenwärtig werden in der Kindererziehung immer noch persönliche Regeln verworfen.

Für Kinder gibt es keine Leitlinien, keine Lebensmuster und keine sogenannten

„Benimmregeln“. Diese Unterlassungen sind nicht nur für die Gesamtheit und für die

Familie gefährlich, sondern vor allen Dingen leidet das Kind selbst unter diesem Mangel.

Wer täglich die Leitlinien seines Lebens, seinen Lebensstil selbst suchen muß, läuft in

eine tiefe emotionale Verunsicherung mit fatalen Folgen: Unter den Psychologen besteht

Einigkeit darüber, daß Kinder heute viel zu früh ohne Wertevermittlung alleingelassen

werden, um die schwierige Aufgabe des leeren Raumes zu füllen. Es fehlt den Kindern

der Widerstand, an dem sie wachsen können. Hierbei verausgaben sich die Jugendlichen,

sie werden unsicher und lustlos. Für diese Pädagogik ist ausschließlich und allein die

Politik verantwortlich. Sie hat das Schiff treiben lassen, bis es mit der Pisa-Studie auf ein

Riff lief. Die überdurchschnittlichen Leistungen katholischer Privatschulen zeigen, wie

wichtig es ist, die Kinder mit Lebensregeln vertraut zu machen, die ihnen Halt und

Geborgenheit vermitteln.

Freiheit ist heute nichts anderes als das Vergnügen zum Konsum in einer stillosen

Gesellschaft. Konsum bedeutet Reisen, Fernsehen, Porno, Lust ausleben und vom Staat

den eigenen Lebensunterhalt fordern. Über die entscheidenden Themen, die uns heute

bewegen, darf nicht gesprochen werden. Liberalismus zielt auf die Entfesselung des

Egoismus, auf die Enthemmung von gemeinschaftlichem Denken. Die Enttabuisierung

aller Regelungen innerhalb der menschlichen Beziehungen wird mit dem Argument der

Menschenrechte begründet. Hierunter fällt die Gleichsetzung von Männergesellschaften

mit Müttern und Familie, ebenso der sich gegen das ungeborene Leben richtende

Ausspruch: „Mein Bauch gehört mir.“ Das andere Zauberwort heißt „Emanzipation“.

Hiermit wird die Befreiung von den Zwängen der Gemeinschaft und von allen anderen

Zwängen gefordert. Es ist typisch für die heutige Zeit, daß Wörter wie „Gemeinwohl,

deutsches Volk und Vaterlandsliebe“ als unkorrekte Unwörter gelten. Dies alles sind nicht

die alleinigen, aber doch wichtige und bedeutende Ursachen für die heutige

Gesamtmisere, in der wir uns befinden.

Wer die Vergangenheit nicht kennt, weiß nicht, was wir heute falsch machen. Und wir

machen vieles falsch. Es sind nicht nur die Lohnnebenkosten. Wir müssen auch wissen,

daß die Ursachen der Pisa-Studie und der Arbeitslosigkeit nicht bei den privaten

Unternehmern oder bei „überirdischen“ Kräften, sondern ausschließlich in der Politik

liegen. Es wird höchste Zeit, das zu erkennen. Adam Smith lebte rund 100 Jahre vor dem

Kaiserreich, trotzdem hat sich Bismarck nicht gescheut, sich von seinen

wissenschaftlichen Ideen und wirtschaftlichen Erfahrungen leiten zu lassen. In gleicher

Weise würde es uns heute sehr von Nutzen sein, uns von den wirtschaftlichen

Erfahrungen und Ideen Preußens leiten zu lassen. Es gibt Parallelen, die wir beherzigen

sollten. Es ist eines der tadelnswerten Überheblichkeiten der heutigen politischen Klasse,

die Gegenwart zu überschätzen und alle Lehren und Erfahrungen, die älter als 10 Jahre

sind, zu verachten. Als Beispiel möchte ich hierzu die Bemühungen der bayerischen

Wirtschaft zur Reformierung des deutschen Bildungssystems nennen. Typisch ist der Titel

der beiden grundlegenden Bücher: „Bildung neu denken“. Wie wäre es, wenn man statt

dessen zunächst die seit 1964 eingeführten Fehler in den Bildungseinrichtungen

beseitigen würde? In der preußischen Bildungspolitik gibt es berühmte Namen, von

August Hermann Francke bis zu Friedrich Theodor Althoff. Deutschland wurde unter dem

Einfluß Preußens zur ersten Bildungs- und Wissenschaftsnation der Welt. 74 Männer und

Frauen haben an diesem Werk der bayrischen Wirtschaft mitgearbeitet. Das preußische

Bildungsministerium bestand nur aus 34 Beamten. Die Eigenständigkeit, wie sie von der

bayerischen

Wirtschaft gefordert wird, war in Preußen bereits grundlegendes Erziehungsziel. Sollte

Bildung heute wieder Erfolg haben, muß zunächst die Bevormundung der Bürger durch

die Politik beendet werden. Man kann nicht Eigenständigkeit fordern, wenn man den

Bürger als unselbständiges Objekt seiner Politik betrachtet.

Die Kenntnis des Altertums, seiner Schriftsteller und Philosophen, gaben den Menschen

in Deutschland das Attribut, gebildet zu sein. Der Verzicht auf die geschichtliche und

klassische Bildung verwandelt den modernen Menschen in ein schwankendes Rohr, das

sich heute nach rechts und morgen nach links neigt. Grundsatztreue gilt als unmodern.

Der sozialistische Politologe Professor Dr. Kurt Sontheimer, jetzt München, früher Berlin,

sagte auf einer Historikertagung im Jahre 1981: „Ich halte es aus umerzieherischen

Gründen für unverzichtbar, an der These vom preußisch-deutschen Kaiserreich und

seinen Strukturen als Vorläufer Hitlers festzuhalten, und zwar unbeschadet der

Richtigkeit dieser These. Nur dann kann der Weg zur Demokratisierung in Deutschland

erfolgreich fortgesetzt werden.“ Dieses sozialistische Bekenntnis zur Manipulation unserer

Geschichte erklärt treffender als manch andere Feststellung den Verzicht auf Fakten und

Vergleiche.

Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß sich der Sozialismus bereits auf leisen

Sohlen unbemerkt über das gesamte öffentliche Leben ausgebreitet hat und heute selbst

unseren privaten Lebenskreis beeinflußt.

Ein fundamentaler Unterschied zwischen der gegenwärtigen und der preußischen

politischen Klasse besteht in ihrer Einstellung zur persönlichen und staatlichen

Verschuldung. Als König Friedrich I. von Preußen im Jahre 1713 starb, hinterließ er

seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm I., dem späteren Soldatenkönig, einen zerrütteten

und verschuldeten Staat. Die Personalkosten für die staatlich Bediensteten und die

Aufwendungen für die Hofhaltung verschlangen den größten Teil der öffentlichen

Einnahmen. Nur durch Anstrengung, Sparsamkeit und Strenge konnte Preußen wieder

gesunden. Diese Gesundung setzte ein Ethiker ins Werk: König Friedrich Wilhelm, der

Vater Friedrich des Großen. Die teure Hofhaltung löste er nach seinem Regierungsantritt

auf. Den Pferdebestand verminderte er von 600 auf 120 Pferde. Die Gehälter der

Hofbediensteten strich er um mehr als die Hälfte zusammen. Auch die Hofküche blieb von

seiner Sparsamkeit nicht verschont . 5 Mundköche, 8 Meisterköche, 3 Bretmeister, 3

Pastetenbäcker, 4 Konditoren und 24 andere Köche mußten sich eine andere

Beschäftigung suchen. Nur 5 Personen duldete er künftig in der Küche. Im Jahre 1712

hatten die Personalkosten für den Hof insgesamt 175.000 Taler betragen. Jetzt

schrumpften diese Kosten auf wenige Tausend zusammen. Gewaltig fuhr der Rotstift

auch durch die Verwaltung. Ebenso durch das Pfründen- und Stellenwesen im Staat.

Minister- und Generalsgehälter wurden auf 1/3 ihrer ursprünglichen Höhe herabgesetzt.

Friedrich Wilhelm hatte es zum Lebensgesetz für den preußischen Staat gemacht, den

Staatshaushalt ohne Schulden zu führen. Der preußische Staat lebte unter

Beanspruchung aller seiner Kräfte ganz aus sich selbst. Es war Friedrich Wilhelms

staatsökonomisches Ideal, schuldenfrei zu wirtschaften. Der König und seine Beamten

fühlten sich an des christlich -calvinistische Ethos gebunden, das eine Vertrauensbasis im

preußischen Staat herstellte, die in Verwaltung und Rechtsprechung über 200 Jahre

dauerte. Das Wort Friedrich Wilhelms an seine Nachfolger: „Macht keine Schulden und

gebt nicht mehr aus als ihr einnehmt“, hatte als ethisches Gebot Gültigkeit bis zum

Untergang des Deutschen Reiches 1918.

An dieser Stelle sollte an den preußischen Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten

von Hindenburg erinnert werden. Als Reichskanzler Brüning ihm 1931 die Notwendigkeit

vortrug, die Beamtengehälter um 10 % zu senken, sagte der Reichspräsident: „Ich

unterschreibe diese Notverordnung nur, wenn das Gehalt des Reichspräsidenten, also

sein eigenes, und der Minister um 15 % und die Diäten der Abgeordneten um mindestens

12 % gesenkt werden.“ Mit dieser Gehaltssenkung änderte sich zwar die Wirtschaftslage

insgesamt nicht, aber es war ein Zeichen, ein wichtiger Anstoß zur Akzeptanz der

notwendig gewordenen Gehaltskürzungen.

Friedrich der Große hielt sich an diese Sparsamkeitsgebote gebunden, indem er in

seinem Testament feststellte: „Eine Regierung muß sparsam sein, weil das Geld, das sie

erhält, aus dem Blut und Schweiß des Volkes stammt. Das Geld ohne Rücksicht auf die

Zukunft ausgeben, heißt handeln wie ein Tyrann und nicht wie ein Vater des Volkes.

Denn nur die Völker sind glücklich, die unter der Herrschaft einer Regierung leben, die

ihre Finanzen gut geregelt hat.“

Mit diesen Maximen preußischer Könige haben die Regierungen die Voraussetzungen

geschaffen, unter denen sich die preußisch-deutsche Wirtschaft so atemberaubend

entwickeln konnte. Von den 420.000 öffentlich Bediensteten im Deutschen Kaiserreich

gehörten lediglich 45.000 Beamte dem höheren Dienst an. Heute sind über 4 Millionen

öffentlich Bedienstete (Halbtagskräfte umgerechnet) zur Regierung und Verwaltung

erforderlich, wovon wiederum 800.000 dem höheren Dienst angehören. In den Talk-

Shows des Fernsehens, die weitgehend die Debatten in den Parlamenten ersetzen, wird

über das Thema Staatskosten nicht gesprochen. Kein Wort wird dem Problem des

föderalistischen Staats mit 16 Ländern gewidmet. 16 Minister mit über 300

Staatssekretären belasten den Staatshaushalt in unvertretbarem Umfang. Mit der

Reduzierung der Zahl der Länder könnten Sparmaßnahmen getroffen werden, die die

Staatsverschuldung senken und nicht weiter erhöhen. In Preußen waren wie bereits

bemerkt 34 Beamte für Bildung, Universitäten und Schulen zuständig. Heute sind es 16

Ministerpräsidenten, 16 Minister und 32 Staatssekretäre sowie 130.000 öffentlich

Bedienstete. Die Ab

teilung für Bildung und Schulen war in Preußen äußert erfolgreich, in der Bundesrepublik

Deutschland hat die aufgeblähte Bildungsbürokratie die PISA-Studie hervorgebracht und

bundesweit 2.500 Lehrpläne in den Schulen. Ein Bildungs-Chaos, das für die

Arbeitslosigkeit eine gehörige Mitverantwortung trägt.

Um die sozialistische Agitation gegen die Marktwirtschaft an den Universitäten

abzuschwächen, hielt es der von 1892 bis 1899 amtierende Kultusminister Robert Bosse

für angemessen, die Wirtschaftsprofessoren zu bitten, diffamierende Äußerungen über

Unternehmer zu unterlassen, weil man nicht die Henne beschädigen dürfe, die für „uns“

goldene Eier lege. Für den wirtschaftlichen Erfolg des Kaiserreichs spielte auch die

Psychologie eine große Rolle. 380.000 neue Arbeitsplätze entstanden jedes Jahr. Das

bedeutete 380.000 Investitionsentscheidungen pro Jahr, denn für jeden Arbeitsplatz war

und ist eine bestimmte Investition erforderlich. Hier zeigte sich das unbegrenzte

Vertrauen der Unternehmer in die Stetigkeit und Glaubwürdigkeit des Staates, in seine

Rahmenbedingungen und in den steuerlichen und gesetzlichen Freiraum, den der Staat

ihnen gewährte. Seit Ludwig Erhard wissen wir, daß mindestens 50 % der Wirtschaft

Psychologie ist. In der Gewerbeordnung Bismarcks vom Mai 1869 wird in § 105

bestimmt: „Die Festsetzung der Verhältnisse zwischen den selbständigen

Gewerbetreibenden und ihren Gesellen, Gehülfen und Lehrlingen ist Gegenstand freier

Übereinkunft.“ Heute kann der Unternehmer über sein Verhältnis zu den Mitarbeitern,

und das gehört zu seinen wichtigsten Unternehmerentscheidungen, nicht mehr

unabhängig entscheiden. Mitbestimmungsgesetz, Flächentarife und Medien lassen den

Unternehmer in Deutschland zu einer Person unsozialer und zweitrangiger Qualität

werden. Nach Ansicht des Instituts der deutschen Wirtschaft wird Deutschland mit der

bedrückendsten gewerkschaftlichen Mitbestimmung der ganzen Welt belastet. Nicht die

Unternehmer, sondern die Gewerkschaften haben heute den größten politischen und

wirtschaftlichen Einfluß. Mit der Unternehmerschelte durch die Sozialdemokraten im April

2005 wird von diesem Übel der deutschen Wirtschaft abgelenkt. Jahrzehntelang haben

die Gewerkschaften Lohnerhöhungen gefordert (und auch durchgesetzt), die über den

Produktivitätsanstieg hinausgingen. Es war die Verletzung einer wirtschaftlichen

Grundnorm. Dafür bezahlen wir heute mit einer hohen Arbeitslosigkeit.

Ein zu großer Teil der unternehmerischen Tätigkeit wird von der Einhaltung gesetzlicher

Regulierungen und von der Auseinandersetzung und Abstimmung mit den

Gewerkschaftsvertretern verbraucht. Es ist eine volkswirtschaftlich nicht mehr zu

rechtfertigende Vergeudung unternehmerischer Energien. Ich nenne als Beispiel: Jeder

Unternehmer muß neben vielen anderen Gesetzen noch folgende Gesetze kennen und sie

zur Kenntnis der Mitarbeiter im Betrieb an geeigneter Stelle aushängen:

Jugendarbeitsschutzgesetz Arbeitszeitgesetz

Mutterschutzgesetz

Bundeserziehungsgeldgesetz Ladenschlußgesetz

Auszug aus dem BGB Arbeitsgerichtsgesetz

Beschäftigtenschutzgesetz

Sozialgesetz, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen

Vergleichen wir die Freiheit des Unternehmers im preußisch-deutschen Staat mit den

unzähligen Behinderungen des Unternehmers in unserer heutigen Demokratie, dann

können wir nur sehnsuchtsvoll im Interesse unserer Wirtschaft und im Interesse der

vielen Arbeitslosen an diese Zeit zurückdenken, die unter preußischem Einfluß stand.

Abschließen möchte ich meine Ausführungen noch mit einigen bemerkenswerten

Feststellungen des in Politik und Wissenschaft hoch angesehenen Professors Theodor

Eschenburg, er war Staatsrechtler, lehrte in Tübingen und ist dort 1999 im 95.

Lebensjahr gestorben. Eschenburg sagte:

1. Nach den guten Erfahrungen, die die Engländer und Amerikaner mit dem

Mehrheitswahlrecht machen, sollten wir es auch einführen.

2. Nach dem Kriege wollten Konrad Adenauer und Carlo Schmidt keinen

Bundesrat. Seine Einführung war ein großer Fehler.

3. Wir haben zu viele Länder. Sie belasten in unvertretbarer Höhe den

Staatshaushalt.

4. Mit 672 Abgeordneten ist der Bundestag nicht arbeitsfähig. 300 Abgeordnete

reichen völlig aus. Auch die Länderparlamente müssen wesentlich abspecken.

5. Politiker sind feige. Die meisten kleben an ihren Posten, weil sie im zivilen

Leben nie einen derartigen Lebensstandard und ein so hohes soziales Ansehen

hätten erreichen können.

6. Man tut Bismarck Unrecht, wenn man Kohl mit ihm vergleicht.

In meinem Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau wird mir oft die Frage gestellt,

warum ist dieses erfolgreiche Preußen -Deutschland ohne Aufsehen und nahezu

unmerklich von der politischen Bühne verschwunden? Meine Antwort darauf: Preußen ist

nicht, wie es sozialistische Histo

riker behaupten, sozusagen aus eigenen innenpolitischen Versäumnissen untergegangen,

sondern es wurde Opfer eines Ereignisses, das der bekannte amerikanische

Außenpolitiker und Historiker George F. Kennan in seinem Buch „The decline of

Bismarcks European order“ als Urkatastrophe Europas bezeichnet hat. Gemeint ist der

Erste Weltkrieg.

Lloyd George, der britische Premierminister, sagte 1919 kurz nach Kriegsende: „Keiner

der führenden Politiker dieser Zeit hat den Krieg wirklich gewollt. Sie glitten

gewissermaßen hinein, oder besser, sie taumelten oder stolperten hinein, vielleicht aus

Torheit.“ Dieser Auffassung folgt heute die überwiegende internationale Historikerzunft.

Mit deutschen Politikern, Fernsehmachern und Historikern müssen wir noch etwas Geduld

haben, bis auch sie sich endlich diesen Einsichten anschließen.

Folgen wir den Gedanken von George F. Kennan, hatte der Krieg eine lange

Vorgeschichte.

1. Der atemberaubende Aufstieg des Deutschen Reiches zur ersten Wirtschaftsund

Wissenschaftsmacht ängstigte die anderen Großmächte. Die englische

Behauptung, Deutschland beabsichtige den Sturz des britischen Imperiums, hatte

den gleichen Propagandazweck wie im Jahre 2002 die Massenvernichtungsmittel

im Irak für die amerikanische Propaganda. Eine solche Absicht des Deutschen

Reiches läßt sich weder aus den Akten noch aus den Anmerkungen irgendeines

Politikers nachweisen. Deutschland hatte keine Welteroberungspläne und nicht die

geringsten Verdrängungsabsichten, Deutschland war friedlich und nicht der Fuchs

inmitten harmlosen Federviehs.

2. Das von Frankreich eingefädelte Bündnissystem zwischen Rußland, Frankreich

und England ängstigte andererseits die deutsche Regierung und erzeugte ein

Gefühl des Bedrohtseins. Schon Bismarck litt unter dem Alptraum des

Eingekreistwerdens. Die Bedeutung dieses gegen Deutschland gerichteten

Bündnissystems, das schon 1892 abgeschlossen und 1904 durch den Beitritt

Englands ergänzt wurde, ist ein entscheidender, man kann sogar sagen der

auslösende Grund für die Entstehung des Ersten Weltkrieges gewesen. Es war

eines der wesentlichen Ursachen der Verspannungen innerhalb der europäischen

Großmächte. Es ist zwar zutreffend, aber der gegenwärtigen politischen

Korrektheit nicht angemessen, der russischen Innenpolitik, der franzosischen

Aggressivität und dem Bündnissystem zwischen England, Frankreich und Rußland

die entscheidenden Ursachen für den Ausbruch des Krieges beizumessen. So

jedenfalls sieht es Kennan.

Wir sollten endlich damit aufhören, ausschließlich die unmittelbaren Anlässe für den

Beginn der Kampfhandlungen als die eigentlichen Ursachen für die europäische Tragödie

zu betrachten. Diese Tragödie liegt vielmehr

in der Weigerung der Alliierten zum Abschluß eines Verhandlungsfriedens zum

Jahreswechsel 1916/17. Nachdem die Länder in den Krieg „hineingeschliddert“ sind, ihn

zu vermeiden unfähig waren, hätten sie wenigstens die Notwendigkeit zu seiner

schnellstmöglichen Beendigung erkennen und alle Anstrengungen zu einem guten

Verhandlungsfrieden unter Wahrung der Würde der Nationen ergreifen müssen, wie das

so oft in der Geschichte der Staatsmänner Europas gelungen war. Während die Soldaten

beider Seiten verbluteten, allein in den Schlachten an der Somme und vor Verdun fielen

1,7 Millionen Soldaten, trafen sich die Politiker der Ententemächte im Sommer 1916 zu

einer Wirtschaftskonferenz in Paris, um dort die Niederwerfung der deutschen Wirtschaft

als verbindliches Kriegsziel zu beschließen. Sie einigten sich darauf, den Zugang der

deutschen Wirtschaft zu den Weltrohstoffreserven zu kontrollieren und Deutschland nach

dem Krieg wirtschaftlich niederzuhalten. In den von den Alliierten diktierten

Friedensbedingungen in Versailles fand diese Vereinbarung ihren Niederschlag.

Es fällt noch heute schwer, für den Fanatismus der englisch-französischen Politiker

angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands, dem Herzen Europas, auch nur

ein Wort des Verständnisses zu finden. Nur Deutschland hatte die Kraft und die Fähigkeit,

die sich in den Vorkriegsjahren anbahnende, über die Grenzen der Nationalstaaten

hinausreichende europäische Zusammenarbeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik

auszubauen und voranzutreiben, womit der alte Kontinent sich unter Bewahrung seiner

dominierenden Stellung gegenüber den neuentstehenden Zentren in Amerika und Asien

hätte erfolgreich behaupten können. Von einem funktionierenden Wirtschaftssystem

hatten die alliierten Politiker keine Vorstellung. Auch der schon recht bekannte englische

Nationalökonom Keynes hat die Vereinbarung auf der Pariser Wirtschaftskonferenz und

die spätere Regelung des Versailler Vertrages aus wirtschaftlichen-, moralischen und

politischen Gründen auf das schärfste verurteilt. Die Verhinderung eines

Verhandlungsfriedens 1916 und 1917 ist vorwiegend auf die Beteiligung der USA am

Ersten Weltkrieg zurückzuführen. Nicht der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, sondern

seine unmoralische und traditionswidrige Beendigung ist die eigentliche Tragödie

Europas. Das Deutsche Reich hat auf stillen Wegen über die Schweiz, über Schweden und

über die katholische Kirche Friedensfühler ausgestreckt. Französische Historiker haben

wiederholt die Ernsthaftigkeit dieser Bemühungen betont, auch wenn deutsche Historiker

diese Ernsthaftigkeit bestreiten. Seit Dezember 1916 wußten England und Frankreich,

daß sich Amerika aktiv am Krieg beteiligen wird. Man wartete nur auf die Entscheidung

der deutschen Regierung zum unbeschränkten U-Boot-Krieg, um einen Vorwand für den

direkten Kriegseintritt zu haben. Mit dieser Gewißheit im Rücken waren Franzosen und

auch Engländer zu keinem Verhandlungsfrieden bereit, obwohl beide bereits aus dem

letzten Loch pfiffen.

Millionen von Soldaten hätten nicht ihr Leben verlieren müssen, wenn sich die Alliierten

zu einem Friedensgespräch bereit gefunden hätten. Das Verhängnis Europas nahm

seinen Lauf.

Stand: 29.04. 2005 

Ehrhardt Bödecker

Bundespräsident, wozu eigentlich?

 


(von Marcus Franz) In der aktuellen Bundespräsidenten- Debatte werden die dazugehörigen Grundsatzfragen nur am Rande diskutiert: Ist dieses Amt überhaupt notwendig? Und gäbe es Alternativen dazu? Die Sachlage ist jedenfalls eine Betrachtung wert. Seit der Gründung der Ersten Republik sitzen (mit Unterbrechung 1938-45) die Bundespräsidenten in den ehemaligen kaiserlichen Regierungsräumen und repräsentieren dort den österreichischen Staat. Gerne werden sie daher von Volksmund und Medien als „Ersatz-Kaiser“ bezeichnet. Wozu leistet sich aber die Republik Österreich solche Ersatz-Imperatoren, wenn sie auch echte Kaiser haben könnte?

Der Einwand, wir seien eben eine Demokratie, ist hier nicht zulässig, denn in Europa gibt es eine Reihe von Staaten, die gut funktionierende Demokratien darstellen und trotzdem eine(n) Monarchen/-in als Staatsoberhaupt haben. Die wohl bekannteste Monarchie mit einer starken und seit Jahrhunderten gefestigten demokratischen Regierung ist England. Aber auch Spanien, Dänemark oder Schweden sind konstitutionelle Monarchien, in welchen die republikanische Ausrichtung der Regierungen von niemandem bezweifelt wird. Und die Mehrheit der Bevölkerung in diesen Ländern möchte die parlamentarische Monarchie als Staatsform auch behalten, das zeigen diesbezügliche Umfragen.

Interessanterweise sind einige dieser Staaten in ihrem politischen Grundverständnis auch deutlich liberaler als dies in unserer zwar kaiserfreien, dafür aber umso mehr obrigkeitshörigen Republik der Fall ist. England etwa darf mit Fug und Recht als eine Hochburg des Liberalismus bezeichnet werden. Ein verfassungsgestütztes König- oder Kaiserreich ist demzufolge nicht zwangsläufig ein Hort der Unfreiheit.

 Warum also kein Revival der Donau-Monarchie andenken? Zur Steigerung des seit 1918 nachhaltig angeknacksten nationalen Selbstwertgefühls wäre die Etablierung einer konstitutionellen und repräsentativen Monarchie wohl nicht der schlechteste Weg. Unser Land leidet in seiner kollektiven Grundstimmung noch immer unter dem Verlust der einstigen Größe und unsere Identität als Staat ist zweifellos weniger gefestigt als dies von den Offiziellen aller Couleurs behauptet wird. Tiefenpsychologisch gebildete Autoren von Rang und Namen haben dies in den letzten Jahrzehnten schon oft und treffend beschrieben.

 Ob die wackelige Identität Österreichs durch die Besiedelung der Hofburg mit den Bundespräsidenten im Lauf der Zeit besser geworden ist, muß man daher bezweifeln. Und seien wir ehrlich: Der gesamte Tourismus, große Teile des Kulturlebens, die klassische Musikszene und das international geschätzte Wiener Flair wären ohne die ständige Vernetzung und die permanente architektonische Verbindung mit der monarchischen Vergangenheit ohnehin völlig unmöglich. Was wäre Wien ohne Schönbrunn, Burgtheater, Oper und Hofburg? Was wäre überhaupt Österreich ohne seine tiefe Verwurzelung in der zumindest phasenweise doch recht glorreichen k.u.k. Historie? Und ohne seine unterschwellige und dennoch überall spürbare Sehnsucht danach?

Aus objektiver Sicht ist es ein wenig heuchlerisch und für demokratisch gewählte Staatsoberhäupter auch unpassend, daß diese ihren Amtssitz noch immer in den monarchischen Prunkräumen von anno dazumal haben. Freilich: Die Inbesitznahme der ehemaligen habsburgischen Regierungs-Immobilien durch die damals neue demokratische Regierung ist aus der Sicht von 1918 durchaus nachvollziehbar: Der Erste Weltkrieg war

verloren, der Frust bei der Bevölkerung groß und die Habsburger haben ab der Mitte des
19. Jahrhunderts genug politische Fehler gemacht, um starke politische Gegenströmungen entstehen zu lassen. Daß man aber die Kaiserfamilie enteignet und letztlich aus dem Land gejagt hat, war schon aus der Sicht vieler Zeitgenossen fragwürdig und ist es retrospektiv noch immer. Vielleicht sitzen die Bundespräsidenten ja aus schlechtem Gewissen und zur allgemeinen Beruhigung deswegen noch immer auf dem Platz des Kaisers? Frei nach dem Motto: Wir haben die Habsburger zwar vertrieben, aber seht her, ein Ersatz-Kaiser ist ja eh noch da.

Wenn Österreich mit seiner imperialen Vergangenheit wirklich gebrochen und eine neue demokratische Kultur, in der man keinen Kaiser mehr braucht, entwickelt hätte, dann müßte längst irgendwo ein neues Amtsgebäude für den Präsidenten stehen und die Hofburg ein Museum sein. Das ist aber nicht der Fall: Der kaiserliche Nimbus wurde und wird von unseren Staatsoberhäuptern noch immer sehr gerne ausgenützt.

 Das ist eigentlich nicht in Ordnung und nur vor dem oben geschilderten k.u.k. inspirierten Hintergrund zu verstehen. Denkt man aus diesem Hintergrund heraus die österreichische Verfaßtheit und die Möglichkeiten zur Verbesserung derselben zu Ende, dann bleiben nur zwei Varianten offen: Die Restauration im Sinne der Etablierung einer konstitutionellen Monarchie oder aber als Gegenthese die komplette Abschaffung des Bundespräsidentenamt es samt seinen pseudo-kaiserlichen Attitüden.

 Daher zurück zur eingangs gestellten Frage: Brauchen wir überhaupt ein Staatsoberhaupt mit seinen gegenwärtigen vielen Repräsentationspflichten und seinen geringfügigen Rechten? Und wenn ja, warum soll es nicht ein Kaiser sein, der diese Tätigkeiten ausübt? Wenn schon imperial repräsentieren, dann wenigstens mit echtem kaiserlichen Stil, das würde Kultur, Land und Leuten und nicht zuletzt der Tourismus-Wirtschaf t mehr als gut tun. Die Symbolkraft eines Monarchen kann immens sein und die Identität stiftende Bedeutung einer Krone respektive eines heraldischen Emblems wie des Doppeladlers ist nicht zu unterschätzen. Wie stark solche Symbole sein können, das kann jedermann am Beispiel der zitierten europäischen Monarchien beobachten. Und ein echter Kaiser ist allemal besser als sein Ersatz.

http://www.ortneron line.at/? p=1968  ( 19.10.2009 )

 






Zum 150. Geburtstag Kaiser Wilhelm II.

 

Über kaum eine andere Persönlichkeit der jüngeren deutschen Geschichte wurde so kontrovers diskutiert, wie über ihn. Aber es ist eine Diskussion der Historiker. Weder politisch noch gesellschaftlich scheint der letzte deutsche Kaiser in Erinnerung geblieben zu sein; und wenn, dann als Militarist und Autokrat. Kaum wird darauf eingegangen, dass sogar eine ganze Epoche nach ihm benannt ist – nämlich die wilhelminische. Ohne die Erklärung seiner Zeit ist es beinahe unmöglich den Kaiser selbst zu beurteilen.

Niemand war seinerzeit so präsent und bekannt wie der Deutsche Kaiser.
Und keiner ging so in dieser Zeit auf, wie er. Das zur Reichsgründung noch landwirtschaftlich geprägte Deutschland entwickelte sich zum führenden Industriestaat. Es war eine Zeit tiefgreifender Veränderungen, technischer Wunder und Entdeckungen.Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich Deutschland zum Vorreiter in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft, das von dem fortschrittsgläubigen Kaiser häufig auch persönlich gefördert wurde. Viele bekannte Produkte, Unternehmen und Vereinigungen, die unseren Alltag heute prägen, gehen auf den innovativen Geist jener Zeit zurück.

Aber diese neue Entwicklungen zogen auch Probleme mit sich. Die Lage der Arbeiter versuchte der fromme Kaiser durch neue soziale Vorsorgen zu verbessern. Er wollte ganz der „Volkskaiser“ sein. Den Hauptzweck, die Integration der Arbeiterklasse in die Gesellschaft, erreichte er nur teilweise; die SPD erhielt weiterhin Zulauf. Ein Affront für Wilhelm II. – äußerte sich diese Partei doch mehr oder weniger offen monarchiefeindlich.
Auch außenpolitisch geriet Deutschland aufgrund der Expansion, welche sowohl politisch wie auch wirtschaftlich stark anstieg, in Bedrängnis. Besonders Großbritannien sah seine kolonialen Tätigkeiten wie auch die Stellung als Weltmacht in Gefahr.
Politisch stand der Kaiser stets zwischen den Fronten. Doch auch, wenn das Volk ihn gerne und oft kritisierte, war er doch das überall akzeptierte Staatsoberhaupt. Es gab kaum einen Haushalt ohne Wilhelm II. – Bilder, welche damals in Millionenauflage vertrieben wurden.
1913, bei seinem 25. Thronjubiläum, befand sich Wilhelm II. auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Das Land gedieh, die Monarchie war gesichert. Doch der 1. Weltkrieg brach jahrhundertealte Traditionen jäh entzwei und mit ihr nicht nur eine, sondern gleich alle Monarchien in Deutschland.
Den Verlust der Krone konnte der Kaiser nie verwinden.

Da sich Wilhelm auch im Exil weiterhin als legitimes Staatsoberhaupt betrachtete, lehnte er jegliche anderen Herrscher ab. Seien es die Vertreter der Weimarer Republik oder die der Nationalsozialisten. Für ihn hatte lediglich die Monarchie Gültigkeit.
Anfängliche Hoffnungen, Hitler könne eine Wiedereinführung der Monarchie bewirken, erwiesen sich rasch als Irrtum. Das erkannte auch bald der Kaiser: „Die Deutschen werden die Fahne mit dem Hakenkreuz noch einmal verfluchen – und später verbrennen.“
Eine Beerdigung mit Hakenkreuzfahnen lehnte er konsequent ab. Ebenso lies er sich im holländischen Exil begraben. Erst wenn in Deutschland wieder die Monarchie eingeführt werden würde, dann solle er nach Deutschland überführt werden.

 Dominik Piechotta



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